Tuesday, 10. march 2009 2 10 /03 /März /2009 13:28

Die Vorgeschichte

Mein Leben und meine Heimgeschichte haben nicht erst mit meiner Geburt begonnen. Es ist eng verknüpft mit der Vergangenheit meiner Mutter und so will ich auch etwas über ihre Vergangenheit schreiben. Meine Mutter wuchs in Ostpreußen auf und hatte noch vier Geschwister. Die jüngere Schwester und meine Mutter kamen in zwei unterschiedliche Heime. Der jüngere Bruder kam in einer Pflegefamilie und eine der älteren Schwestern war gehbehindert und ein Bekannter der Familie sorgte dafür, dass sie Zuhause bei der Großmutter bleiben konnte. Die älteste Schwester arbeitete schon und musste somit auch nicht in ein Heim. Meine Mutter war so etwa 10 Jahre alt. Die genauen Gründe sind nicht wirklich bekannt und es hieß immer, dass der Vater vor der Polizei fliehen musste und ihre Mutter die Kinder nicht ernähren konnte. Obwohl meine Mutter sehr viel vom 2. Weltkrieg gesprochen hat, tat sie es nicht von ihrer Zeit im Kinderheim. Wie der Krieg ausbrach haben sich die Geschwister und ihre Mutter aus den Augen verloren und meine Mutter hat sich alleine durch das Leben „schlagen“ müssen. 1948 bekam sie meine Halbschwester (unehelich) und hat sich dann mit ihr von Osten nach Westen - von einem Lager in das andere - durch geschlagen. In einem der Lager (ehemalige DDR) lernte sie meinen Erzeuger kennen und das war dann meine Entstehungsstunde. Es war nur eine flüchtige Begebenheit und meine Mutter zog weiter immer Richtung Westen. In der Nähe meines ersten Heimes hat sie dann bei einem Bauern gearbeitet und ist vor der Geburt dort in der Nähe ihrer Arbeitsstelle ins Heim gegangen. Nach der Entbindung ist sie dann wieder weggegangen und ich habe sie dann nach etwas mehr als sechs Jahre kennen gelernt. Ihre eigene Familie, bzw. was noch von ihrer Familie da war, hat sie erst so 1965 durch das rote Kreuz wieder gefunden. Allerdings war die älteste Schwester seit dem Krieg vermisst- und die zweitälteste Schwester wurde von einem Sexualtäter in den 60iger Jahren umgebracht. Irgendwie hat die Familie doch nicht mehr so richtig zusammen gefunden. Sie hatten sich wohl auseinander gelebt. Die Schicksale waren zu unterschiedlich. Ich hatte immer sehr viel Mitleid mit meiner Mutter und oft das Gefühl, ich habe den zweiten Weltkrieg selber erlebt. Meine Mutter hat von nichts anderem gesprochen und ich hatte gelernt schweigend zu zuhören.

  

Meine Mutter hatte ein erstes Kind 1948 geboren. Mir erzählte sie immer, dass dieses Kind aus einer Vergewaltigung stammt. Sie hat, Barbara, meine Halbschwester mehr schlecht als recht versorgt. Über die Vermittlung des Jugendamtes ging meine Mutter in das damalige Frauenheim Wengern, sie war damals 26 Jahre alt und brachte mich wie sie mir berichtete in einer Zelle zur Welt.

So wurde ich also im Juli 1951 in ein Frauenheim geboren und glaubte auch bis zu meinem 57. Lebensjahr, dass ich dort so etwa 5 oder 6 Jahre verlebt habe.

von Oerni
Kommentar hinzufügen - Kommentare (2)ansehen
Tuesday, 10. march 2009 2 10 /03 /März /2009 13:31

 Suche nach???????                                                                                                 Ich habe mich die vielen Jahre meines Lebens nicht wirklich mit meiner Heimzeit auseinander gesetzt. Es war für mich eine Selbstverständlichkeit in Heimen gewesen zu sein, weil ich in einem Heim geboren bin, dort lebte  und die ersten Jahre meines Lebens keine Vorstellung davon hatte, dass außerhalb meines Heimes eine andere Welt existierte. Ich kann mich nicht daran erinnern so Begrifflichkeiten wie Mutter und Vater in irgendeiner Form gehört zu haben, geschweige denn etwas damit zu verbinden. Ich bin mit etwas über sechs Jahren zu meiner Mutter gekommen, die für mich eine fremde Frau war und ich auch nicht wirklich eine Beziehung zu ihr aufgebaut habe. Diese Jahre bei meiner Mutter, meinem Stiefvater und meiner Halbschwester waren für mich traumatische Jahre, die selbst nach scheinbarer Loslösung aus dieser Familie nachhaltig auf mich wirkten und in einer jahrelangen Psychotherapie hauptsächlich thematisiert wurden. So war auch in der Therapie kein Platz für meine Heimzeit und somit auch  kein Nachdenken über diese Zeit.

 

Letztes Jahr sah ich dann eine TV Sendung über ein Heim und ich habe noch den gleichen Abend im Internet über Heime gestöbert. Ich kam dann in ein Forum für ehemalige Heimkinder und dort begann ich zum ersten Male bewusst über meine Heimzeit nachzudenken. Ich hatte auch schon bis dahin gelegentlich im Internet versucht mein Kinderheim in Wengern zu finden, aber erfolglos. Das habe ich dann auch mal im Heimforum geschrieben und ein User meldete sich dann und fragte nach, was ich noch für Erinnerungen an meinem Kinderheim hätte. Ich schrieb ihm dann, dass mir im späteren Erziehungsheim von Mädchen ein Spruch in Erinnerung sei der da lautet:

"Treibst Du es mit Männern, kommst Du nach Wengern, treibst Du es stärker kommst Du nach Werther".
Der User stellte mir dann einen Link ins Forum und so erfuhr ich dann zum ersten Male, in was ich für ein Heim ich damals war und ich hätte es niemals ohne seine Hilfe gefunden. Wenn dieser User (er heißt Helmut) nicht gewesen wäre, hätte ich niemals die Wahrheit über meinen ersten Kinderjahre erfahren.

Ich möchte mich auch an dieser Stelle ganz herzlich bei Helmut bedanken. Helmut ist in einem Heim ganz in der  Nähe meines Heimes aufgewachsen, unter grausamen Bedingungen. Er ist unermüdlich im  Kampf der damaligen Verbrechen in diesem Heim und dafür verdient er meinen Respekt.




von Oerni
Kommentar hinzufügen - Kommentare (1)ansehen
Tuesday, 10. march 2009 2 10 /03 /März /2009 14:19

Frauenheim Wengern

 

Ich glaubte immer in einem Kinderheim geboren und aufgewachsen zu sein, aber mein Kinderheim entpuppte sich als ein Frauenheim, d.h. Frauenheim mit einer Säuglingsstation. 

Beschreibung des Heimes:

Seit der Gründung im Jahre 1917 bietet die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen e.V. im Frauenheim Wengern Frauen - seit 1999 auch für Männer - Hilfen gemäß den sozialen gesellschaftlichen Erfordernissen an.

Im Laufe der Jahrzehnte stellte so das Frauenheim Hilfen bereit für in Not geratene Frauen: unverheiratete Mütter, Prostituierte, aus dem Gefängnis entlassene ältere Frauen; es war tätig im Rahmen der Fürsorgeerziehung, Fürsorgeerziehungshilfe, Mutter-Kind-Arbeit.

Ich habe dann mit diesem Heim Kontakt aufgenommen mit der Bitte um nähere Informationen über meine Existenz in diesem Heim. Ich habe keine Heimakte bekommen aber einen Brief mit folgendem Wortlaut:

….im Archiv haben wir nach längerer Suche ihre Akte gefunden.

Ihr Geburtsgewicht betrug  3180 gr.

Länge                       52 cm

Kopfumfang                  33,5 cm

Sie werden beschrieben als ein zartgliedriges, aber gesundes Kind, Als hübsches Kind mit blondem, etwas gelocktem Haar und braunen Augen. Sie waren still und äußerst vorsichtig nicht vertrauten Personen gegenüber.

Sie wurden am 20.05.1954 in das Kinderheim „Gotteshütte“ in Kleinenbremen bei Bückeburg entlassen, da Sie unserer Säuglingsstation entwachsen waren. Von dort aus sollte eine passende Familie für die Familienpflege gesucht werden.

Ein Schreiben kurz gehalten über 3 Jahre meines Lebens, welches ich dort in Wengern auf einer Säuglingsstation verbrachte und dann die Verlegung in ein anderes Heim. Ich hatte keine Erinnerung an diese Verlegung und ich war irritiert und traurig. Es stellte sich das ein, was ich an mir kenne, wenn ich nichts fühlen möchte. Ich fange einfach an mich mit einer vorgeschobenen Arbeit zu beschäftigen. Keine Zeit für Gefühle, das mache ich oft so. Ich  hatte den Eindruck, dass man mich betrogen hatte, ohne darüber nachzudenken, wer nun dafür verantwortlich war. Mit der Überraschung des ersten Heimes das ja kein Kinderheim war, kam nun die Angst dazu, um was für ein Heim es sich bei den angegebenen Informationen des zweiten Heimes handelt und welche Überraschungen mich dort erwarten würden.

Aus dem ersten Heime möchte ich den Abschlussbericht zitieren:

Betr.: xxxxxxxxx geb.xxxxxx 51 in Esborn

   1. Mutter:Hausgehilfin Hildegard
     xxxxxx,geb.16.6.26,Post:Velbert i.W.       
     bei Familie xxxxxxxxx

2.  Vormund: Jugendamt des Amtes Volmarstein AZ: Vb xxxxx

3.  Kostenträger: Wohlfahrtsamt Volmarstein

4.  Es liegen an: Geburtsurkunde, Taufschein, Impfschein und  Pol.

5. Xxxxxxx ist körperlich zwar etwas zart aber gesund. Sie ist letzthin zutraulicher geworden, aber sonst im Wesen still und zurückhaltend.xxxxx ist recht liebesbedürftig. Geistig ist sie ein wenig unter dem Durchschnitt, aber in der Entwicklung hat sie doch Fortschritte gemacht.

                                                                                                                          So viel zu den ersten drei Jahre meines Heimaufenthaltes in Wengern, Erinnerungen habe ich keine an diese Zeit. So bleibt mir von dieser Zeit nur eine kurze Beschreibung. 

 

Auf Anfrage hin stelle ich die heutige Kontaktadresse dieses Heimes hinein:

 

http://www.frauenhilfe-westfalen.de/wengern/kontakt.html


 


 


Fotos aus dem Heimarchiv von Dr. C Burschel









Anstelle Erinnerungen, die ich nicht habe:



Säuglingsheime in Westdeutschland

                                                                                                                                                                                                                                                                                               Die vergessenen Kinderheime der Nachkriegszeit

Eine Zusammenfassung mit Berücksichtigung zeitgenössischer Veröffentlichungen und der inoffiziellen Heimfotografie


© Dr. C. Burschel 2008

Teil I
Einführung


Über kaum eine andere Form der öffentlichen Pflege des 20. Jahrhunderts ist heute so wenig bekannt, wie über die Säuglingsheime, die es seit den 1920er bis zum Ende der 1960er/Anfang 1970er Jahre nahezu flächendeckend in Deutschland gegeben hat.


Das Säuglingsheim markierte oftmals den Beginn einer „Heimkarriere“ seiner Insassen. Nachdem die leiblichen Eltern ihr Kind nicht pflegen, versorgen bzw. erziehen, wollten, konnten und/oder durften. Seit 1950 kaum noch „echte“ Waisenkinder, waren diese Kinder zumeist sog. „Sozialwaisen“, was nichts anderes bedeutete, dass sie ungewollt und i.d.R. unehelich geboren worden waren.


Das grundlegende Missverständnis bis in unsere heutigen Tage sind die falschen Schlussfolgerungen die aus dem „Nichterinnern“ (ungleich „Vergessen“) der ehemaligen Insassen gezogen werden.


Gemeint ist damit, dass sich viele Insassen an ihre Zeit im Säuglingsheim nicht erinnern können. Dennoch lassen die Beobachtungen und Untersuchungen von den 1920er Jahre bis in die 1960er Jahre hinein den Schluss zu, dass viele (gesunde) Kleinkinder, die für längere Zeit in einem Säuglingsheim mit seinem rigiden Pflegeregime gelebt haben, irreversibel und langfristig massiv in ihrer Persönlichkeitsentwicklung „ge- und /oder beschädigt“ wurden.

In den letzten beiden Dekaden wurde diese Beobachtung durch Ergebnisse aus der Hirnforschung untermauert, die als Folge von Deprivation ein Verkümmern bis Untergehen relevanter Verbindungen in den betreffenden Teilen des Gehirns nachwiesen.


Säuglingsheim


In den 1970er Jahren wurden die meisten Säuglingsheime geschlossen und somit hat diese Heimform kaum 100 Jahre existiert. 1969 gab es bundesweit immerhin noch 333 Säuglingsheime mit rund 12.100 Pflegestellen (1967: 15.097 PfSt.; 1965: 17.324 PfSt.). Säuglingsheime waren Kinderheime in denen Säuglinge und Kleinkinder von 0 – 3 Jahren (auch bis zu 5 Jahren) - zumeist Sozialwaisen aus der Unterschicht – ganztägig gelebt haben.

Zentrales Merkmal dieser Heime war der Dualismus von Pflege (der Säuglinge) und Betreuung (der älteren Kinder) ihrer Insassen. In einigen Fällen waren diesen Säuglingsheimen Ausbildungsstätten für Kinderkrankenschwestern angeschlossen. Die Pflegesätze wurden entweder durch das Sozialamt getragen (bei den zumeist unehelichen Sozialwaisen, 46.954 (4,6%) uneheliche Kinder bei 1.019.000 Lebendgeborenen 1967) oder durch die Eltern. Die Aufenthaltsdauer der Kinder variierte stark (Kurzaufenthalt durch Abwesenheit der Eltern bis hin zum von den Eltern zurückgelassenen Kind).


Verbreitung, Trägerschaft


Bis in die 1960er Jahre verfügte nahezu jede größere Stadt (München allein über 44 ) über ein oder mehrere Säuglingsheime. Neben staatlichen Trägern waren hier besonders die Kirchen und weitere freie Wohlfahrts-verbände aktiv. Daneben gab es eine große Anzahl von Säuglingsheimen unterschiedlichster Größe in privater Trägerschaft. Für die Kontrolle der Säuglingsheime waren die Landesjugendämter zuständig.


Adoptionen


Eine größere Anzahl von Säuglingsheim-Kindern wurde zur Adoption (auch ins Ausland, insbes. in die USA) vermittelt, die nach der Rechtslage vor 1977 oftmals noch ohne aktive Kontrolle der Jugendämter vollzogen werden konnte.Diese Adoptionen hatten ihren Grund auch in den oftmals unwirtlichen Lebensbedingungen der Kleinkinder in den Säuglingsheimen, die in vielen Fällen bei diesen zum „Deprivationssyndrom“ und damit zum Hospitalismus führten. Es wurde daher versucht möglichst junge Kleinkinder zur Adoption zu vermitteln, d.h. bevor diese hospitalisiert wurden und dann für eine Adoption aufgrund ihrer Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsrückstände nicht mehr in Frage kamen.


Abschottung


In diesem Zusammenhang ist auch ein wichtiger Grund für die zumeist abgelegene Lage (außerhalb des Stadtkerns) und/oder Unzugänglichkeit (Mauern, Pforte, etc.) der Säuglingsheime für die Öffentlichkeit zu sehen, die letztlich als geographische und soziale Abschottung dieser Heime zu beschreiben ist. Es sollte der unkontrollierte Zugang der Öffentlichkeit zu den zumeist verhaltensauffälligen Kleinkindern verhindert werden.Neben dem Schutz der Kinder vor ggfls. unzulässigem Einfluss von leibl. Verwandten galt diese „Abschottung“ damit aber auch der Abwehr von externer Kontrolle. Heute auch ein Grund, warum die Säuglingsheime so schnell aus der „öffentlichen Erinnerung“ verschwunden sind. Oftmals zudem „spurlos“, da Akten kaum geführt und/oder vernichtet wurden.


Zeitgenössische Kritik


Aufgeklärte Zeitgenossen forderten bereits in den 1950er Jahre eine Abschaffung dieser Heimform (im Übrigen nur eine Fortsetzung der Debatte vor 1933). Diese konnten sich aber gegen die zumeist betriebswirtschaftlichen Interessen ihrer Träger nicht durch-setzen, die das vorhandene Wissen über den flächendeckend auftretenden Hospitalismus in den Säuglingsheimen schlicht ignorierten (Vgl. Literatur). So belegen etwa auch Teilnehmerlisten entsprechender Tagungen zum „Deprivationssysndrom“ regelmäßig auch die Teilnahme von Vertretern der Träger, von Heimleitern und Pflegekräften.


Erinnerungslose Zeit – Biografische Lücke


Die tief- und weitreichendsten Schädigungen für die Persönlichkeitsentwicklung sind bei den Betroffenen zumeist einer aktiven Erinnerung entzogen, da diese zeitlich im Säuglings- bzw. Kleinkindalter liegen, an das i.d.R. nur wenige Erinnerungen erhalten bleiben. Auch ist an den Sachverhalt der „Verdrängung“ (von Traumata) zu denken. Hinzu kommt eine systematische Eliminierung (aus Vorsatz oder Desinteresse) „objektivierter Erinnerung“(Vernichtung von Akten und Fotografien aus den Säuglingsheimen).


Verstärkt wird der „Trend des Vergessens“ zudem dadurch, dass die meisten Säuglingsheime zum Ende der 1960er Jahre/Anfang der 1970er Jahre geschlossen wurden. Auch bedarf die Rekonstruktion der eigenen „Bindungs-Geschichte“ ein erhebliches bindungstheoretisches Vorwissen, das bei vielen ehemaligen Säuglingsheim-Kindern – nicht zuletzt durch die folgende Heimkarriere mit ihren schlechten Bildungschancen - nicht vorhanden ist. Vielfältige „biografische Lücken“ bei den Betroffenen können die Folge sein.Viele in den 1950er und 1960er Jahren adoptierte Kinder wissen heute als Erwachsene nicht, dass sie in einem Säuglingsheim gelebt haben, obwohl sie sich u.U. mit den aus dem Hospitalismus folgenden langfristigen Beeinträchtigungen der Persönlichkeitsentwicklung auseinandersetzen müssen.


Schweigekartell


Festhalten kann man aber auch, dass die meisten zeitgenössischen Pflege- und Betreuungskräfte um das Auftreten des „Deprivationssyndrom“ und den „Hospitalismus“ in den Säuglingsheimen gewusst haben, wie mit der damaligen Literatur deutlich belegt werden kann. Dieses Wissen führt heute dazu, dass über die Verhältnisse in den Säuglingsheimen der Nachkriegszeit von diesen eine „Mauer des Schweigens“ gezogen wird. Selbstkritische ehemalige Pflegekräfte sind selten, aber es gibt sie. Seitens der ehemaligen Träger ist zu beobachten, dass diesen über die damaligen Verhältnisse in Säuglingsheimen oftmals – ohne eigene, aber mögliche Recherchen - keine Informationen vorliegen und diese Unkenntnis führt zu Unsicherheiten, die ebenfalls in ein Verschweigen münden können.

 

Teil II

Heimfotografie: „objektivierte Erinnerung“


So sind es heute u.a. die privaten Fotoalben der ehemaligen Pflege- und Betreuungskräfte, die ein „objektives“ Bild der damaligen Verhältnisse in den Säuglingsheimen zeichnen. Neben den gewollten und ungewollten Motiven dieser Fotografien ist es vor allem auch die Perspektive der betreffenden Fotografin, die heute wichtige Informationen liefert.

Zumeist ist diese von entwicklungspsychologischer Naivität und der Bevorzugung ausgewählter Kinder bestimmt. Der emotionale, teilweise auch körperliche Zustand der abgebildeten Kinder „spricht heute Bände“, ebenso wie die Haltung der dort zu sehenden Pflegekräfte.


Organisationsversagen?


Der einzelnen Pflegerin bzw. Betreuerin (in den Säuglingsheimen arbeiteten zumeist Frauen) ist heute kaum ein Einzelversagen gegenüber einem einzelnen Säugling oder Kleinkind vorzuwerfen bzw. nachzu-weisen. Im wesentlichen ist hinsichtlich der Säuglings-heime der Nachkriegszeit ein „Organisationsversagen“ zu konstatieren, dass insbes. auf der Ebene der Heimleitung bzw. Träger virulent gewesen ist. Diese sind letztlich für die „rigide Pflegeorganisation“ verantwortlich.

Andererseits stellt sich aber auch die Frage, wie man den Arbeitsalltag in der deprivierenden Umwelt eines Säuglingsheimes „durchhalten“ konnte, ohne über ein bestimmtes Maß an „Ignoranz“ zu verfügen.

Die Veränderungen, die zur Abschaffung der Säuglingsheime führten, kamen von „außen“ und nicht von „innen“. Zuerst durch eine Veränderung in der Rentabilitätsstruktur der Säuglingsheime und an zweiter Stelle, durch die Folgen der „Heimrevolte“ („68er“), die indirekt auch die Säuglingsheime erreichte.

Dass mit dem „Wegschauen“ in den Säuglingsheimen keine Differenz zu dem damaligen Zeitgeist des „Verschweigens“ bestand mag als Kontextbeschreibung dienlich sein. Die ehemalige Pflege- und Betreuungskräfte enthebt das aber keinesfalls einer Mitverantwortung, hinsichtlich der offensichtlichen Missstände („institutionalisierten Kindesvernachlässigung“) in den Säuglingsheimen der Nachkriegszeit, an denen die Segnungen des „Wirtschaftswunders“ zudem oftmals vorbeigegangen zu sein scheinen.

Es ist, wie gesagt, unwahrscheinlich, dass diese von der breit geführten an vielen Stellen öffentliche Debatte um die Untauglichkeit der Säuglingsheime keine Kenntnis gehabt haben. Zumal, wenn man sich vor Augen hält, dass diese Debatte vor den konkreten, alltäglichen Erfahrung mit verhaltensauffälligen Kindern sogar in den Hintergrund hätte treten müssen.


Asymetrische Kommunikation



An dieser Stelle tritt ein weiteres zentrales Merkmal der Säuglingsheime zu Tage. Ihre Insassen, insbes. die Säuglinge verfügten nicht über Ausdrucksmöglich-keiten, sich „Gehör“ bei den Pflegekräften zu verschaffen, wenn diese das nicht wollten. Hier herrschte eine einseitig dominierte, asymetrische Kommunikationsstruktur vor, die zudem oftmals auf nur unzulänglich qualifiziertes Pflege- und Betreuungspersonal traf. Zudem gab es „pädagogische“, aber auch pharmazeutische Möglichkeiten des Ruhigstellens allzu „lebhafter“ Säuglinge und Kinder.


Kinder ohne Anwalt


Eine weitere Besonderheit ist, dass Kinder in Säuglingsheimen oftmals auf sich allein gestellt waren, d.h. überhaupt keinen Kontakt zur familiaren Außenwelt hatten. In vielen Fällen uneheliche Kinder waren Säuglingsheime auch der Ort eben diesen „Makel“ zu verbergen. Mit anderen Worten, „Kinder ohne Anwalt“ (aber mit Amtsvormund, dessen Rolle als vernach-lässigbar klassifiziert werden muss), die daher dem rigiden Pflege- und Betreuungsregime schutzlos ausgeliefert waren.


Folgen des Hospitalismus


Die durch den Hospitalismus hervorgerufenen Entwicklungsverzögerungen (vormals gesunder Kinder) konnten zu einer völligen Fehleinschätzung der intellektuellen und sozialen Potentiale eines Kindes im Säuglingsheim führen. Mit drastischen Folgen für deren weitere „Heimkarriere“. Im Kontext von Adoptionen konnte immer wieder beobachtet werden, dass solche Kinder diese Schädigungen in relativ kurzer Zeit aufholen konnten, obgleich langfristig wirksame Folgeschäden – je nach Schweregrad der Deprivation – auch hier nicht auszuschließen waren.

 

TEIL III

Zusammenfassung


Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die schwerwiegendsten Schädigungen von Heimkindern der Nachkriegszeit während ihres Aufenthaltes in den Säuglingsheimen „angelegt“ wurden. Da diese aber in einer „Zeitzone des Nichterinnerns“ liegen, wird dies von den Betroffenen selbst, aber auch von um Aufarbeitung Bemühter oftmals nicht wahrgenommen.

An dieser Stelle hat insbesondere die Bindungstheorie (Bowlby, Ainthworth, etc.) eine Möglichkeit eröffnet, diese zumeist vergessenen prädeterminierenden Erfahrungen am Anfang einer Heimkarriere – und in ihrer langfristigen Wirkung auf die Persönlichkeits-entwicklung weit unterschätzten Lebenszeit - zu reaktualisieren.

Die besondere Vulnerabilität von Säuglingen und Kleinkindern, der entwicklungspsychologische Blick auf die ersten Lebensjahre gehört auch heute noch nicht zum alltagsresistenten Wissen. Und obwohl dies in den letzten Jahren sogar gehirnphysiologische Effekte der Verkümmerung durch Deprivation nachgewiesen werden konnten und damit von der Ebene der Beobachtung sozialen Verhaltens auf eine weitaus evidentere Ebene gehoben werden konnten.


Der Aufenthalt in einem Säuglingsheim kam für die betreffenden Kinder oftmals einer Tragödie gleich. Dies mag auch für die ein oder andere ehemalige Pflegekraft zutreffen, die, nach bestem Wissen und Gewissen elternlosen Kindern „helfen“ wollte.

Dabei ist sie aber Teil eines rigiden Pflege- und Betreuungsregimes gewesen, dass die Kinder teilweise tief greifend und für das weitere Leben irreversibel geschädigt hat.



Es scheint auch so, dass die Ideologie des „Helfens“ und „Aufopferns“ an dieser Stelle den Blick für die notwendige Professionalisierung und vor allem auch Qualifizierung der Pflegekräfte versperrt hat. Aber auch als willkommener Vorwand für unterlassene Verbesserungsbemühungen (incl. der schlechten Entlohnung) dieser für ihre Insassen völlig ungeeigneten Heimform gedient hat.


Nicht vergessen werden sollten an dieser Stelle aber auch die vielen leiblichen Mütter bzw. Eltern, die ihre Kinder diesen Lebensbedingungen ausgesetzt haben, bei gleichzeitig fallweise durchaus in Frage zu stellendem Lebenswandel.

Daraus lässt sich aber in keinem Fall eine Begründung für die völlig ungeeignete öffentliche Pflege von zumeist unehelichen Sozialwaisen in der Nachkriegszeit ableiten.


Resümee


Man hat um die Missstände in den Säuglingsheimen gewusst, sowohl seitens der Heimleitung, der Träger und der Pflegekräfte.

Das notwendige Wissen zur Vermeidung des Deprivationssyndroms und des Hospitalismus war vorhanden und bekannt.

Die notwendigen finanziellen Mittel für eine bessere Ausstattung der Säuglingsheime zur Vermeidung/ Eindämmung des Hospitalismus standen in der „Wirtschaftswunderzeit“ zur Verfügung.

Politisch war deren Verwendung für die öffentliche Pflege aber nicht erwünscht (Stichwort: „Organisationsversagen“).

Die Geschichte der Säuglingsheime in der Nachkriegszeit ist ein „Armutszeugnis“ in mehrfacher Hinsicht, das auch für die weiteren Bereiche der öffentlichen Pflege in dieser Zeit ausgestellt werden muss.

Säuglingsheime standen am Anfang vieler „Heimkarrieren“ und haben oftmals schwerwiegendere und langfristig wirksame Störungen in der Persönlichkeitsentwicklung ihrer Insassen verursacht, als deren eigene Erinnerung heute preisgibt.

 

Teil IV

Historischer Kontext der Säuglingsheime


Mit der Industrialisierung kam es zu einer Erosion tradierter Familienstrukturen, die hinsichtlich der Lebensphase Kindheit grundlegende Veränderungen mit sich brachten. Dabei muss allerdings aus dem Blickwinkel einer „Geschichte der Kindheit“ festgehalten werden, dass die heute vorherrschende bürgerliche (romantische) Sichtweise auf die Kindheit noch nicht sehr alt ist.


Die Geschichte der Kindheit ist von der Antike bis zur Aufklärung, von heute kaum noch vorstellbarer Brutalität und Ignoranz gegenüber Kindern - sei es in der Familie oder in der öffentlichen Pflege - geprägt, die in manchen Teilen der heutigen Welt zudem fortgeschrieben wird.


Vormoderne wie moderne Anstalten standen bis ins 20. Jahrhundert unter dem Primat betriebswirtschaftlicher Aspekte sowie dem „pädagogischen Ideal“ der Disziplinierung und der Zurverfügungstellung späterer „weltanschaulich gefestigter“ Arbeitskräfte.


Davon gibt auch die Literatur des 19. Jahrhunderts (Dickens, Hugo) eindrucksvoll ZeugnisInsbesondere die Sterblichkeitsrate (aber auch die Tötungsrate) von Säuglingen war zu diesen Zeiten extrem hoch, so dass es erste öffentliche Anstrengungen gab, diese zu senken (lange Zeit in Abwesenheit von „humanistischen Idealen“ sondern aus „pragmatischen, bevölkerungspolitischen und volkswirtschaftlichen Überlegungen heraus).
Säuglingsheime waren um die Jahrhundertwende zum 20. Jhrdt. Krankenhausabteilungen bzw. Krankenhäuser für kranke Säuglinge und „Aufbewahrungsort“ für uneheliche Kleinkinder.

Hauptproblem war die extrem hohe Mortalitätsrate (80% waren keine Ausnahme) der Säuglinge in solchen Häusern, so dass diesen der euphemistische Beiname „Heim“ verliehen wurde.


So manch uneheliches Kind wurde in dieser Zeit aus durchaus unlauteren Motiven in ein Säuglingsheim gegeben.
Durch medizinischen Fortschritt in den Säuglingsheimen der 2. Generation (u.a. durch Schlossmann), insbesondere durch hygienische Maßnahmen und Einstellung der Ernährung konnte die Sterblichkeit unter den Säuglingen drastisch gesenkt werden. Allerdings zum Preis einer institutionell induzierten Vernachlässigung der sozialen Bedürfnisse der Säuglinge, die nunmehr einer deprivierenden (klinischen) Umgebung ausgesetzt am (psychischen) Hospitalismus erkrankten und auch starben („anaklitische Depression“ nach R. Spitz).



Mit anderen Worten, die Eindämmung des medizinischen Hospitalismus (Mortalitätsrate) war zum Preis des psychischen Hospitalismus erkauft worden, der im Extremfall allerdings ebenfalls zum Tod eines Säuglings führen konnte.
Die gesenkte Mortalitätsrate führte zu einer nahezu flächendeckenden Errichtung von Säuglingsheimen, obgleich sich gerade auch im Kreise aufgeklärter Pädiater ein deutlicher Widerstand feststellen lässt, der in der sog. „v. Pfaundler-Schlossmann-Kontroverse“ der 1920er Jahre gipfelte.


Da die (Entwicklungs-) Psychologie noch in ihren Kinderschuhen steckte konnte sich diese Form der öffentlichen Pflege von Kleinkindern, trotz weiterer Kritik, etwa aus den Kreisen der Arbeiterbewegung, durchsetzen. In der Zeit des deutschen Faschismus verstummte die Kritik, erinnert sei hier nur an die Säuglingsheime des Lebensborn e.V., die zudem bevölkerungspolitischen Zwecken zu dienen hatten.
Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurden die Kirchen für die vorangegangene Enteignung ihrer Kinderheime entschädigt, so dass neue Abhängigkeiten entstanden deren Festigung gewollt war. In der direkten Nachkriegszeit waren Säuglingsheime aber auch oftmals die einzige Möglichkeit für das physische Überleben der Kleinkinder zu sorgen. Nachdem dieser Mangelzustand behoben worden war, wurde allerdings, vor allem seitens der Kirchen, nahtlos an der Vorstellung „der Anstalt“, der man einen Eigenwert beimaß, angeknüpft.

So dass auch in diesem Kontext die Säuglingsheime zur erneuten „Blüte“ gelangen konnten. Einige Kritiker meldeten sich zwar erneut zu Wort, wie etwa A. Mehringer oder Th. Hellbrügge und es gab auf der Basis der fortschreitenden Entwicklungspsychologie (insbes. Bowlby, A.Freud, Pechstein, etc.) einen breiten Diskurs zur prinzipiellen Untauglichkeit von Säuglingsheimen als Lebensort für Säuglinge und Kleinkinder. Dieser wurde aber erneut von weiten Kreisen der Heimträger ignoriert.

Säuglingsheim – ein geheimnisvoller Ort?

In der Erinnerung der Bevölkerung, sofern sich diese überhaupt erinnert, lassen deren Beschreibung den Eindruck zu, als wären Säuglingsheime Orte gewesen, an denen „unheimliche Dinge vonstatten“ gingen. Und mit deren Geschichte man bis heute lieber nichts zu tun haben möchte. Bei genauerem Nachfragen erhält man selten mehr als mehrdeutige Hinweise, die u.U. auf folgende Sachverhalte zurückgehen können.
Einige Säuglingsheime – wie viele lässt sich heute nicht mehr feststellen - nahmen neben der Pflege und Betreuung von Säuglingen und Kleinkinder weitere Aufgaben war. Nachweisen lies sich etwa eine „Hospitzabteilung“, in der schwerkranke und nicht lebensfähige Säuglings bis zu ihrem frühen Tod gepflegt wurden.

Des weiteren Wohnmöglichkeiten für sehr junge Mütter, welche diesen lange vor der eigentlichen Geburt zur Verfügung standen. Auch waren Säuglingsheime Zufluchtsorte für misshandelte und vernachlässigte Kleinkinder. Es gibt Beschreibungen, dass man die Kinder zwar „gehört“ aber kaum „gesehen“ habe und das des öfteren Kinder von Erwachsenen abgeholt wurden, die offensichtlich nicht die eigenen Eltern (Stichwort: Adoption) gewesen sein müssen.


In einem Fall wurde berichtet, dass in einem Monat „furchtbar viele Säuglinge gestorben wären, aber öffentlich nie etwas darüber zu erfahren gewesen sei“. Insgesamt ist der Eindruck entstanden, dass ein Säuglingsheim in manchen Fällen eine Art „isolierter Ort“ gewesen sein könnte, über den in der Bevölkerung kaum eine konkrete Vorstellung existierte. Und das sollte wohl auch so sein.Erst mit einer Veränderung der Rentabilitätsstruktur der Säuglingsheime und den gesellschaftspolitischen Veränderungen der 1968er Jahre wurde diese Heimform nahezu aufgegeben. Binnen kurzer Zeit wurde beseitigt, was jahrzehntelange Kritik der Sozialpädiater und Sozialwissenschaftler – und vereinzelte Kritik aus den „eigenen Reihen“ nicht vermocht hatten.


Kinder ohne Liebe : 


http://www.youtube.com/watch?v=l7UHCzNj8Ts   

                                                                                                                                                               siehe auch:

http://www.saeuglingsheim-archiv.de/


Literatur (kommentiert)

A. Zeitgenössische Kritik

(Deprivation/Hospitalismus)an den Säuglingsheimen


F. Stirnimann: Das erste Erleben des Kindes. Eine Einführung in das Seelische der ersten Lebenszeit des Kindes für denkende Eltern, Pflegerinnen und Kinderfreunde, 2.A., Frauenfeld Leipzig 1938.              Heute vor allem historisch bedeutsame Arbeit eines Kinderarztes aus Luzern.


M. zur Nieden: Adoptionsvermittlung. Entwicklung, Bedeutung, Organisation, Arbeitsweise, Finanzierung, Frankfurt/M. 1928 (Flugschriften des Archivs deutscher Berufsvormünder, hrsg. von Dr. H. Weber, Heft 10).

Bedeutsame Originalschrift zur Adoptionsgeschichte in Deutschland aus der Sicht der freien Wohlfahrtsverbände, enthält Vorschläge zur Formulierung der Freigabeerklärung und der Aktenführung in Behörden und Vermittlungsstelle, trotz des hohen Alters der Schrift heute noch lesenswert. Vermittelt indirekt auch einen Einblick in die öffentliche Pflege von Kleinkindern der Zeit.



D. Burlingham/A. Freud: Anstaltskinder. Argumente für und gegen eine Anstaltserziehung von Kleinkindern, London 1950 (Deutsche Ausgabe).

Klassische Studie zur Bedeutung einer singulär-exclusive Betreuungsperson bei der Pflege von Kleinkindern.



A. Dührssen: Heimkinder und Pflegekinder in ihrer Entwicklung. Eine vergleichende Untersuchung in Elternhaus, Heim und Pflegefamilie, 2. Aufl., Göttingen 1964
               
                                                                                                                            Bekannte Dissertation, die heute noch lesenswert ist, recht nüchterne Darstellung der Wirkungen eines Aufenthaltes in einem Säuglingsheim.




W. Schwidder (Hrsg.): Die Bedeutung der frühen Kindheit für die Persönlichkeitsentwicklung, Göttingen 1962.
                                                                                                                                                             
 Im Zusammenhang mit der Diskussion um die Ergebnisse von Dührssen  zu sehen, heute vor allem gute Zusammenfassung der zeitgnössischen Debatte um die Säuglinsheime.



M. Ellison: The deprived Child and Adoption, London 1963.
                                                              Frühe Arbeit, die die Notwendigkeit einer Adoption von möglichst jungen Kleinkindern unterstreicht und auf die in Deutschland zu dieser Zeit weitgehend ignorierten möglichen Folgeprobleme einer Adoption beschreibt.



M. zur Nieden: Adoption und Adoptionsvermittlung. Ent-wicklung, Organisation, Ergebnisse, 3. Aufl., Köln etc. 1963.
                                                                                         Überarbeitete Auflage der o.g. Schrift von 1928, die Verfasserin war 40 Jahre auf dem Gebiet der Adoptionsvermittlung tätig und vermittelt eine detaillierte Inneneinsicht in die Adoptionsvermittlung in diesem Zeitraum. Erwähnenswert: die Schrift aus dem Jahr 1928 „musste“ kaum verändert werden (sic!).



M. Meierhofer/W. Keller: Frustration im frühen Kindesalter. Ergebnisse von Entwicklungsstudien in Säuglings- und Klein-kinderheimen, Bern 1966.
                                                                                         Wissenschaftlicher Klassiker zur Deprivations- und Hospi-talismusforschung, auch Abdruck zahlreicher Fotografien von Kleinkindern, die die entsprechende Symptomatik zeigen (der Titel „Frustrationen“ wird hier in einem psychologischen Sinn gebraucht und klingt daher heute missverständlich)..



F. Trost/H. Scherpner (Hrsg.): Handbuch der Heimerziehung, 2 Bände, Franfurt/Main etc. 1952 – 1966 (in 12 Lieferungen erschienen).
                                                                                                   Ganzheitliche Darstellung der Leitsätze der Heimerzeihung aus der Perspektive der Verantwortlichen, vermittelt heute einen guten Eindruck über die damalige Vorstellungswelt in der Pflege und Betreuung von Kleinkindern in Säuglings- und Kinderheimen.



Deutsche Zentrale für Volksgesundheitspflege (Hrsg.): Das Deprivations-Syndrom in Prognose, Diagnose und Therapie, Bericht der Arbeitstagung vom 15. bis 17. Mai 1968 für Heimärzte und Heimleiter an Säuglings- und Kinderheimen, Frankfurt 1970 (Nachdruck 1973).
                                                                                                                                                             Enthält präzise Beschreibungen des Deprivationssyndroms und des Hospitalismus sowie über deren Verbreitung in den Kinderheimen der Zeit.



D. Eckensberger: Sozialisationsbedingungen der öffentlichen Erziehung, Frankfurt/M 1971.
                                                                                                                                                         Heute zentrale Arbeit, die detailliert Auskunft über die (alltäglichen) Verhältnisse in einem Säuglingsheim gibt.



J. Pechtstein/E. Siebenmorgen/D. Weltsch: Verlorene Kinder? Massen-pflege in Säuglingsheimen. Appell an die Gesellschaft, München 1972.
                                                                                                                                                        Enthält eine Geschichte der Säuglingsheime sowie statistische Zahlen über die Belegzahlen von Säuglingsheimen. Des weiteren eine Anzahl von Fotografien deprivierter Säuglingsheim-Kinder. Zentrale Arbeit zur Einführung in die Thematik.


W. Schmidbauer: Verwundbare Kindheit, Planegg vor München 1973.
                                                                                                                                                          Guter Überblick über die psychologischen Hintergründe von Deprivations-Syndrom und Hospitalismus.



U. Gerber (Hrsg.): Holt die Kinder aus den Heimen. Alternativen zur Heimunterbringung, Berlin 1974.
                                                                                                                                              Tagungsband in Folge der „Heimrevolte“, der die zeitgenössische Diskussion zusammenfasst.



S. Koch: Schokolade reicht nicht, Berlin 1974.
                                                                                                                                           Gezeichnetes Bilderbuch zur Situation von Heimkindern, Grafik-Design-Abschlussarbeit der Autorin an der HfbK Berlin; Einfühlsame, dabei zeittypische Umsetzung des Themas für Kinder.



J. Roth: Heimkinder. Ein Untersuchungsbericht über Säuglings- und Kinderheime in der Bundesrepublik, 2. Aufl.,                 Köln 1975.                                                                                                      Journalistisch geschriebenes, faktenreiches Buch mit recht einseitiger politischer Ambition.

  

E. Schmalohr: Frühe Mutterentbehrung bei Mensch und Tier. Entwicklungspsychologische Studie zur Psychohygiene der frühen Kindheit, 2. Aufl. München 1975.
Sehr kompakte und präzise Zusammenfassung der Forsch-ungsergebnisse aus der „Deprivations- und (psychischer) Hospitalismusforschung“, wie sie Mitte bis Ende der 1960er Jahre zur Verfügung standen. Auch heute noch lesenswert.


J. Langmeier/Z. Matejcek: Psychische Deprivation im Kindes-alter. Kinder ohne Liebe, München Wien Baltimore 1977.Deutsche Übersetzung aus dem Tschechischen (Original-ausgabe 1963, 3.Aufl. 1974, der die Übersetzung zu Grunde liegt);                                                                            Klassiker der Deprivationsforschung, mit einigen Fotografien aus den Filmen zur Deprivations- und Hospitalismusforschung, die damals weltweit für Aufsehen gesorgt haben (der Film „Kinder ohne Liebe“ ist heute auf DVD erhältlich.).

http://www.youtube.com/watch?v=l7UHCzNj8Ts


A. Mehringer: Heimkinder. Gesammelte Aufsätze zur Geschichte und zur Gegenwart der Heimerziehung, 3.Aufl., München Basel 1982.
                                                                                               Zentrales Werk (Aufsatzsammlung) zur Heimerziehung, einfühlsam, abwägend geschrieben, Mehringer war eine der zentralen Persönlichkeiten der Reformbestrebungen um die Heimerziehung seit den 1950er Jahren, auch heute noch unverzichtbares Einführungswerk zur Heimerziehung.




A. Mehringer: Verlassene Kinder, München Basel 1985 (hrsg. von der Deutschen Liga für das Kind in Familie und Gesellschaft zur Information der Abgeordneten des Deutschen Bundestages und der Parlamente der Bundesländer).
                                                                                                                                                             Präzise und gut strukturierte Zusammenfassung der Hospitalismusdebatte(n).



Zahlreiche Beiträge verschiedener Autoren aus „Unsere Jugend“ (1950 – 1970)                                                                                                                                              Fachzeitschrift zur Sozialarbeit, regelmäßig kritische Beiträge über Säuglingsheime und verwandte Themen.


B. Geschichte der Heimerziehung

F. F. Röper: Das verwaiste Kind in Anstalt und Heim, Göttingen 1976.
                                                                                                                                                      Umfangreiche Monographie zur Geschichte der öffentlichen Pflege von der Antike bis zur Moderne.



Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge (Hrsg.): Vier Jahre Bundessozialhilfegesetz und Jugendwohlfahrtsgesetz. Wege in die Zukunft, Frankfurt/Main 1966.
                                                                         
Bericht über den 64. Fürsorgetag 1965 in Köln, gibt einen guten Überblick über die sozialen Problemlagen in dieser Zeit, insbes. über das damals relativ neue Jugendwohlfahrtsgesetz (S. 113ff.) und „Die alleinstehende Mutter und ihr Kind“ (S.193ff.).



M. Almstedt/B. Munkwitz: Ortsbestimmung der Heimerziehung. Geschichte, Bestandsaufnahme, Entwicklungstendenzen, Weinheim Basel 1982.
                                                                                                                                                          Überblick über die historische Entwicklung der Heimerziehung seit 1945; den Autoren geht es primär um die Darstellung des relativen Scheiterns der „Heimreform“ Anfang der 1970er Jahre und das Aufzeigen alternativer Methoden der Heimerziehung.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     C. Heimverzeichnisse
Heute ist es oftmals nicht mehr möglich die Existenz eines Säuglingsheimes überhaupt nachzuweisen. So sind oftmals die Gebäude abgerissen und Akten vernichtet bzw. nicht auffindbar. Hilfreich für einen ersten Rechercheansatz sind an dieser Stelle die zeitgenössischen Heimverzeichnisse von denen hier eines exemplarisch aufgeführt ist. Solche Verzeichnisse wurden von den Kirchen und weiteren freien Trägern zu unterschiedlichen Zeiten auf unterschiedlicher Ebene (Bistum, Bundesland, deutschlandweit) herausgegeben.



Zentrale des Deutschen Caritasverbandes (Hrsg.); C. Becker (Bearbeiter): Handbuch der Caritativen Jugendhilfe in Deutschland. Übersicht über die Anstalten und Einrichtungen der Kath. Jugendhilfe nach dem Stande vom 1. November 1953, Freiburg i.Br. 1954  Bemerkenswert: enthält auch kath. „Anstalten“ (jeden Typs) der ehemaligen DDR.


D. Bindungstheorie

J. Bowlby: Maternal Care and mental Health, Genf 1952.(World Health Organization Monograph Series No. 2)
                                                                                                                                                                      Mit dieser zusammenfa
ssenden Studie von Bowlby erlangte die Bindungstheorie ihre weltweite Bekanntheit.


J. Bowlby: Frühe Bindung und kindliche Entwicklung, 5. Auflage, München 2005                                                                                                                                                    Deutsche Übersetzung des klassischen Werkes der Bindungstheorie.


L. Ahnert (Hrsg.): Frühe Bindung. Entstehung und Entwicklung, München Basel 2004.
                                                                                                                                            Bestandsaufnahme der Bindungsforschung mit dem Charakter eines Lehrbuches für den Hochschulbetrieb, vermittelt einen kompakten Einblick in die Bindungsforschung.



K. H. Brisch/Th. Hellbrügge (Hrsg.): Bindung und Trauma. Risiken und Schutzfaktoren für die Entwicklung von Kindern, Stuttgart  2003.                                                                                                                                                                                                                              Zu Ehren von Emmy Jacobsen-Werner wurde im Dezember 2001 ein internationaler Kongress mit dem Titel „Attachement and Trauma: Risk and Protective Factors in the Development of Children“ in München veranstaltet, dessen Beiträge in diesem Band zusammengefasst wurden. In diesem Band wird u.a. die Bedeutung der psychischen Widerstandsfähigkeit („Resilienz“) deutlich, deren Wirkung u.a. in den Untersuchungen von Jacobsen-Werner eine große Rolle gespielt haben. Darüber hinaus finden sich Hinweise zu den Filmen der klassischen Deprivations- und Hospitalismusforschung und ein bemerkenswerter Beitrag von Zdenek Matejecek, einem Klassiker dieser Forschungsrichtung.


K. Grossmann/K. E. Grossmann: Bindungen – das Gefüge psychischer Sicherheit, 2. Aufl., Stuttgart 2005 (Erstauflage 2004).
                                                                                                                                               Umfassendes Werk zur Bindungsforschung, fasst u.a. die Forschungsergebnisse von mehr als 2 Dekaden dauernden Langzeitbeobachtungen bei 100 Kindern.


Hier ein Film zu Hospitalismus:

Vorsicht! anschauen auf eigene Gefahr!                               

http://www.youtube.com/watch?v=H-QvT-koIB0




 

 

 

 

 

 

 

von Oerni
Kommentar hinzufügen - Kommentare (0)ansehen
Wednesday, 11. march 2009 3 11 /03 /März /2009 23:49

Daten zur Entwicklungsgeschichte des Frauenheims Wengern

1909
Testament und Erbe von Gustav Wilhelm Hagen geht an die Kirchengemeinde Wengern.

1916
Kirchengemeinde Wengern und Westfälische Frauenhilfe schließen einen Vertrag über die Errichtung und Erhaltung eines Hauses zur Rettung gefährdeter und gefallener Frauen. Das Pfarrwitwenhaus wird für das zu gründende Frauenheim umgebaut.

1917
Der Vorstand der Frauenhilfe beschließt den Ankauf der Besitzungen von Ostermann, Schluck und Wiemer in Wengern.

01. April 1917
Frauenheim Wengern wird eröffnet mit drei Mädchen, einer Schwester und einer Gehilfin.

September 1917
Es wird von der ersten Entbindung berichtet.

1926
Der Burghof - bisher an 5 Familien vermietet - kann genutzt werden.

1929
Die „Marienhöhe“ wird als Entbindungs-, Wöchnerinnen- und Säuglingsstation gebaut.
Im „Haus im Grund“ wird eine Weberei eingerichtet.

1931
Umschulungskurse für landwirtschaftliche Dienste für Frauen aus der Industrie. Einrichtung eines freiwilligen Arbeitsdienstes im Burghof.

1937
Die Arbeit in Wengern konzentriert sich auf Fürsorge für Geschlechtskranke und auf Entbindungshilfe.

Bis 50er Jahre
Wengern hat größere Kriegsschäden zu verzeichnen. Haus „Tabea“ wird schwer zerstört und nur notdürftig wieder aufgebaut
______________________________________________________________________________
               
                                                                                                                                                             In In diesem Jahr feiern wir das 90-jährige Bestehen des Frauenheims Wengern.
Als 1917, noch während der sozialen und wirtschaftlichen Erschütterungen durch die Industrialisierung und den 1. Weltkrieg, eine Einrichtung für "gefährdete und verwahrloste Frauen und Mädchen" gegründet wurde, war der Weg hin zu einer modernen Einrichtung der Wiedereingliederungshilfe für Menschen mit geistigen und psychischen Behinderungen keineswegs vorprogrammiert.

 

Eine Herausforderung des Jubiläumsjahres wird es sein, die Geschichte des Frauenheims offen und selbstkritisch zu betrachten. Welches Frauen- und Menschenbild prägte die ersten Jahrzehnte der Arbeit? Wie gingen Mitarbeitende und für die Fürsorgeerziehung Verantwortliche mit Frauen und Mädchen um, die Gewalt, Missbrauch und Vergewaltigung erlebt hatten? Welche pädagogischen Grundsätze, medizinischen und psychologischen Grundannahmen waren handlungsleitend? Die Beteiligung der Verantwortlichen im Frauenheim Wengern an den Maßnahmen der Zwangssterilisation in der Zeit des Nationalsozialismus ist im Zusammenhang mit der historischen Forschung zum 100-jährigen Bestehen der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen bedrängende Erkenntnis und historische Tatsache geworden. Wir werden im Jubiläumsjahr derer angemessen gedenken, denen Schaden an Körper und Seele zugefügt wurde. Wir müssen Schuld bekennen und um Vergebung bitten.

"Jubiläum" hat seine Wurzel in der hebräischen Bibel, unserem alten Testament.
Alle 50 Jahre sollte nach dem Willen Gottes das "Jobeljahr" begangen werden, in dem Schulden erlassen und Schuld vergeben werden sollte. So bekommt ein Jubiläum eine tiefere Bedeutung als jubelnde Erfolge zu feiern.

Die Umstellung der Arbeit von der Fürsorgeerziehung zur Wiedereingliederungshilfe ist ein Zeichen für Beweglichkeit und Bewegung gewesen. Und diese Bewegung hat sich fortgesetzt. Die Wohnformen haben sich differenziert. Selbstbestimmtheit und Eigenständigkeit sind zentrale Ziele aller Hilfebedarfsplanungen geworden. Es wird sehr viel Sorgfalt darauf verwendet, die Fähigkeiten und Ressourcen, aber auch die Verletzungen und Beschädigungen jeder und jedes einzelnen wahrzunehmen.

Bewegung ist niemals Selbstzweck. Es geht immer um die Verbesserung der Angebote, um so viel Teilhabe für Menschen jeden Alters und jeder Art der Behinderung wie möglich zu erreichen. So ist der Faktor Beständigkeit im Motto des Jubiläums geeignet, den Blick auf die menschliche und fachliche Verlässlichkeit und auf die Sicherheit zu lenken, die im Wohnen und Arbeiten Beheimatung schaffen.
Die Menschen, mit denen und für die wir im Frauenheim Wengern arbeiten, halten uns in Bewegung und brauchen uns als verlässliche Partnerin.

Gott selbst und seine Verheißung eines Lebens in Gerechtigkeit und Würde für alle Menschen hält unsere Sehnsucht wach, ein Leben in Fülle für alle Menschen zu erreichen. So werden wir nicht zuletzt - beständig in Bewegung - auf dieses Ziel hin weiterarbeiten.

Pfarrerin Angelika Weigt-Blätgen

 

Auf Anfragen hin stelle ich hier die Kontaktadresse

zu dem heutigen Heim hinein:

 

http://www.frauenhilfe-westfalen.de/wengern/kontakt.html

 

von Oerni
Kommentar hinzufügen - Kommentare (0)ansehen
Saturday, 14. march 2009 6 14 /03 /März /2009 02:25

Die Gotteshütte

Nachdem sich meine Irritation gelegt hatte, schaute ich im Internet was nun das zweite Heim war und überhaupt wo es geografisch lag, denn die Stadt Kleinenbremen sagte mir gar nichts.

Dazu folgende Beschreibung:

Vom "Rettungshaus Gotteshütte" zum "Jugendhof Porta Westfalica"

Die "Gotteshütte" in Kleinenbremen wurde 1853 von Gemeindemitgliedern des Kirchenkreises Minden als christliches Rettungshaus für "verwahrloste" Kinder bis zum Konfirmationsalter gegründet. 1861 wurden ihr durch königliche Verfügung Körperschaftsrechte verliehen, und 1929 erkannte der preußische Finanzminister die "Gotteshütte" als Milde Stiftung an.

Aus dem "Rettungshaus" wurde später - in der Satzung erstmals 1935 - das Erziehungsheim Gotteshütte. Nach abermaliger Umbezeichnung 1976 in Jugendhof Gotteshütte nennt sich das Heim seit 1985 Jugendhof Porta Westfalica. Seit 1979 ist die "Gotteshütte" als Evangelische Stiftung anerkannt, die, als privatrechtlicher Träger der Einrichtung, in ihrer Bezeichnung den ursprünglichen Namen tradiert.

Also wie schon das erste Heim war auch die Gotteshütte in der Begrifflichkeit im eigentlichen Sinne ein Erziehungsheim. Die

spärlichen Erinnerungen meiner ersten Kinderjahre waren nun für mich für dieses Heim zuzuordnen. Es waren nicht wirklich viele Erinnerungen die ich hatte. Die eindrucksvollste Erinnerung war der Lebertran, den wir Kinder bekamen. Ich erinnere mich an diesen schrecklichen Geschmack und auch daran, dass ich es wohl gelegentlich schaffte ihn heimlich (wo auch immer) auszuspucken. Ich erinnere mich sehr lange alleine am Tisch gesessen zu haben und in meinem Essen herum gestochert zu haben. Das Gefühl des Alleinseins ist mir dabei  immer noch sehr gegenwärtig. Wenn wir gebadet haben wurden wir immer zu zweit in die Wanne gesteckt. Ich hatte auch ein Loch im Kopf und die Stelle am Hinterkopf kann man als eine kleine Ausbuchtung fühlen. Dann hatte ich mal eine Verletzung am linken Fuß und ich kann mich noch deutlich daran erinnern, dass ich im Bett lag und Schmerzen hatte. Ich war alleine und habe viel geweint. Dann war einmal der Nikolaus da und ich bekam einen Schokoladen Nikolaus. Die Tanten sagten mir, dass sie ihn für mich aufbewahren und als ich am nächsten Tag meinen Nikolaus haben wollte war er weg. Ich war sehr enttäuscht. Dann weiß ich noch dass  mich  eine Tante an der Hand nahm und mir die Schule zeigte in der ich bald eingeschult werden sollte und darauf freute ich mich riesig. An bestimmte Personen habe ich keine Erinnerung mehr.

Meine Heimakte

Der heutige Heimleiter der Gotteshütte hatte in der Nähe meines Wohnortes eine Tagung und hat mich dann auf meiner Arbeitsstelle besucht. Er ist ein netter verständnisvoller Mensch, der mir aufmerksam zuhörte. Ich habe ihn gleich gefragt, ob ich als Kind Probleme mit dem Essen gehabt habe und er konnte es bestätigen. Ich habe ihm dann von den schrecklichen Jahren nach der Gotteshütte erzählt. Er hat mir dann meine Originalakte gegeben und dafür bin ich ihm sehr dankbar, natürlich mit der Bitte, ihm die Akte auch wieder zurück zu schicken. Das habe ich nachdem ich meine Unterlagen alle kopiert habe auch selbstverständlich gemacht.

 

Foto                                                                                                                                                      In dieser Akte befand sich das einzige Bild was bis zu meinem

 6. Lebensjahr existierte, auch die Negative dazu. Ich hatte dieses Bild vor fast 50 Jahre bei meiner Mutter gesehen und freute mich nun endlich das Original zu haben. Der Heimleiter sagte mir schon bei seinem Besuch, dass ich das Originalbild behalten darf. Viele Menschen halten es sicherlich für selbstverständlich Bilder aus ihren Kindertagen zu haben. Erst wenn man keine Bilder hat, weiß man zu schätzen, was ein einziges Bild für einen Menschen bedeuten kann.

                                                                                                                                                             Ich habe das Bild, als ich später bei meiner Mutter leben musste gesehen und auf der Rückseite stand folgender Spruch:
Sei stark mein Herz ertrage still, der Seele tiefes Leid.
Denk, daß der Herr es also will, der fesselt und befreit. Und traf dich seine Hand auch schwer, in Demut nimm es an.
Er lädt auf keine Schulter mehr, als sie ertragen kann.

Von Leid verstand ich schon sehr früh was und ich war in den Heimen gottesfürchtig erzogen worden und so sah ich es fast als selbstverständlich an, dass das Leben offensichtlich nur aus Leid besteht. Unklar bleibt, ob meine Mutter diesen Spruch auf der Rückseite geschrieben hat, oder irgendein Mensch aus der Gotteshütte.

Briefe meiner Mutter
Es befanden sich auch einige Briefe meiner Mutter in dieser Akte, die mir aber absolut nichts bedeuten und auch nicht überraschten. So begründete sie ihr nicht besuchen meiner Person mit einer Herzkrankheit. Sie hat ja noch nie der Wahrheit nahe gestanden und so war ich über ihre Begründung nicht ernsthaft verwundert. Meine Mutter ist jetzt 82 Jahre und hat nun die für ihr Alter durchaus verständlichen Krankheiten, aber ganz sicher war sie früher gesund. Wahrscheinlich musste sie für sich irgend eine Begründung finden, weil es sicherlich selbst für eine Frau wie sie noch eine fadenscheinige Begründung geben musste, ein Kind zu haben, dass sie bis zu dem 6. Lebensjahr noch nie gesehen hatte, obwohl sie in ihren  Briefen beteuerte mich genau so lieb zu haben, wie ihr erstes Kind, meine Halbschwester. Kann man ein Kind lieb haben, das man gar nicht kennt??

Interessanter waren dann schon die Berichte der sogenannten Erzieher. Früher wurden diese Berichte ja noch mit der Schreibmaschine getippt und die Durchschläge waren in der Akte. Keine Ahnung wer die Originale bekommen hat.

Aus den Berichten ging hervor, dass ich eigentlich in eine Pflegefamilie vermittelt werden sollte, was aber bis etwas über 5 Jahre meines Lebens nicht möglich war, weil ich offensichtlich nicht den Vorstellungen der damaligen Erzieher entsprach um in einer Pflegefamilie vermittelt zu werden.

Ein Kind, welches beim Essen Probleme machte und das dann so in der Akte vermerkt wurde, dass ich wählerisch beim Essen gewesen sei. Ich habe auch in den Jahren nicht altersentsprechend zugenommen und außerdem sei ich ein schwieriges Kind gewesen. So war das also. 

Auszug aus einem Bericht: 25.8.55

Xxxxxxxxx hat in ihrer körperlichen Entwicklung nur geringe Fortschritte gemacht. Für ihr Alter ist sie zart und schmächtig, wiegt z.Zt. 14,-kg. Ihr Appetit lässt meist zu wünschen übrig. Die geistige Begabung ist wahrscheinlich  unterdurchschnittlich. In der letzten Zeit geht das sonst recht passive, etwas zurückhaltende, stille Kind mehr aus sich heraus und wird lebhafter, macht auch Fortschritte im Sprechen. Die Sprachentwicklung entspricht etwa dem Lebensalter. Xxxxxx singt auch schon gern mit. Beim Spielen hat sie noch wenig Phantasie und Ausdauer sitzt oft verträumt da, stört aber nicht. Xxxxxx ist sehr liebesbedürftig und dankbar für persönliche Zuwendung. Sie fällt in der Gruppe kaum auf und macht keinerlei erzieherische Schwierigkeiten.

Seit Xxxxx Unterbringung in unserm Heim hat sich die Mutter nie um ihr Kind gekümmert. Ihre derzeitige Anschrift ist hier auch nicht bekannt.

Kaum ein Jahr später wurde ich offensichtlich verhaltensauffällig, so dass ich zu einem Psychiater musste.

 

Auszug aus diesem Bericht:

„ Z.Zt. negative Schwankung. Sie ist entwicklungsgehemmt (etwa 1 Jahr Rückstand). Schwierigkeiten entspringen der verspäteten 1. Trotzphase. Ruhig und bestimmt, aber liebevoll führen. Von Sonderlichkeiten (Nichtsprechen!) kein Aufhebens machen. In 3 Monaten.

27.4.1956 gez. Dr. Roos

Ob das Nichtsprechen auf einer Trotzphase zurück zu führen ist kann ich nicht beurteilen. Als ich später zu meiner Mutter kam, hat das Nichtsprechen 13 Jahre angehalten. Allerdings nur Zuhause und das aus Angst. „Draußen“ spielend mit anderen Kindern und auch in der Schule war ich ein „fast normales“ Kind, das sich nicht hat anmerken lassen, dass es ein Zuhause hatte was einer Hölle gleich kommt.

Nun mein Abschlussbericht von der Gotteshütte war dann sehr wohlwollend geschrieben, denn es war auch nicht mehr notwendig mich in einer Pflegefamilie zu vermitteln. Meine Mutter meldete sich  und ich kam dann am 30.12.1957 zu ihr. 
                                                                                                
                                                             Die letzten Sätze meiner Akte :

30.12.57 Xxxx wurde heute mit Zustimmung des Kreisjugendamtes Schwelm als Amtsvormund aus unserem Heim entlassen, von einer Fürsorge des Stadtjugendamtes B……

Abgeholt, um im Haushalt der Mutter u. des Stiefvaters xxxxxxxx untergebracht zu werden.


So habe ich also innerhalb der ersten Jahre zweimal meine soziale Bezugswelt wechseln müssen. Immer dann, wenn es mir ein wenig besser ging musste ich woanders hin. Keine Ruhe für irgendwelche  Entwicklungen, die ein Kind notwendigerweise braucht.

Sicherlich habe ich bis dahin in den Kinderheimen nicht die extremen gewaltigen Erfahrungen gemacht, die ich von anderen ehemaligen Heimkindern gehört habe. Aber als eine einigermaßen zufrieden stellende Kindheit  kann ich meine Heimzeit nun auch nicht betrachten. Dennoch ist diese Zeit nicht annähernd damit zu vergleichen, was nun in den  nächsten 13 Jahren in dem Haushalt meiner Mutter folgen sollte.

Es gibt eine Festschrift von der Gotteshütte (unter 6.), die eigentlich gut darstellt, wie  das Leben in der Gotteshütte damals gewesen ist. Sie ist nicht im Original, sondern ein ehemaliges Heimkind M Z, der auch zur gleichen Zeit wie ich in diesem Heim war , hat sie fleißig abgetippt und ich möchte mich an dieser Stelle bei ihm bedanken, weil ich durch diese Festschrift ein guten Überblick über meine dortige Zeit bekommen habe.

 

Die Reise

Ich kann mich nicht an bestimmte Einzelheiten erinnern, als ich von einer fremden Frau mit dem Zug in meinem neuen Haushalt kam. Es sind lediglich Fragmente. So staunte ich auf der Fahrt mit dem Zug, wie die Bäume sich aus meiner Sicht so schnell bewegten, d.h. so schnell immer wieder weg waren. Zu schnell um es zu begreifen, denn ich war ganz sicher bis zu diesem Zeitpunkt noch nie mit dem Zug gefahren. An einer Frage, die ich dieser Frau stellte kann ich mich aber noch sehr genau erinnern. Es gab offensichtlich eine Unterhaltung über mein neues Zuhause und ich stellte dieser Frau die Frage, ob ich denn wieder nach Hause darf, wenn es mir bei den Leuten nicht gefallen würde. Die Frau bejahte es und diese Frage ging mir noch Jahre später durch den Kopf, wie man es eigentlich anstellen kann wieder nach Hause zu kommen (also in meinem Heim).

Dort in dem „neuen Zuhause“ wurde ich vollständig ausgezogen und in ein Badetuch eingehüllt. Wahrscheinlich kam die Kleidung wieder zurück ins Heim, weil die Kleidung dem Heim gehörte. Dann verabschiedete sich die fremde Frau, die mir aber doch lieber war, als die Menschen, bei denen sie mich zurück gelassen hatte. Was danach so im Einzelnen ablief weiß ich auch nicht mehr so genau. Ich habe dann nur eine sehr lange Zeit geweint und meine Halbschwester versuchte mich zu trösten. Meine Mutter war nicht präsent, noch heute glaube ich, dass sie zutiefst enttäuscht war, dass ich ihr nicht vor lauter Freude um den Hals gefallen bin. Ich kann mich aber auch nicht daran erinnern, dass sie mich in den Arm genommen hat oder gar getröstet hat. Das blieb meiner Halbschwester überlassen und ich bin ihr bis heute dafür unendlich dankbar, auch wenn wir beide Jahre später unsere eigenen Wege gegangen sind und auch keinen Kontakt haben.

So haben wir auch ein gemeinsames Bett gehabt und ich habe die erste Nacht weinend in ihrem Arm gelegen, bis ich vor Erschöpfung einschlief. Das ging dann einige Tage so und meine Halbschwester hat dann letztlich so die Mutterfunktion für mich übernommen und mich auch „Draußen“ vor der feindlichen Welt beschützt. Ich kann mich noch an einer Szene erinnern, dass sie schützend den Arm um mich legte, als wir nach "Draußen" gingen, wo die anderen Kinder mir nicht gerade wohlgesonnen waren. Ob sie mich beschimpften oder mit dem Finger auf mich zeigten, egal, meine Halbschwester war da. Nach einiger Zeit legte sich aber das Verhalten dieser Kinder und ich wurde in ihrer "Gemeinschaft " aufgenommen. Von da an gab es für mich zwei Welten. Die eine Welt, da „Drinnen“, meine Mutter, die mit ihrer viel zu lauten Stimme mir immer nur Angst einflößte und die Welt da „Draußen“, mit spielenden Kindern und da fühlte ich mich wohl.

Meine Halbschwester und ich:
                                                                                                                                                           Meine Mutter hat nach außen hin immer die Möglichkeit gesucht eine heile Welt in Fotos festzuhalten. Gelegentlich mussten dann meine Halbschwester und ich zum Fotografen um das zu dokumentieren. Meine Halbschwester ist drei Jahre älter als ich. Obwohl sie von Geburt an immer bei meiner Mutter gelebt hat, habe ich sie nie um ihr Leben beneidet. Meine Mutter war nicht fähig meine Halbschwester zu beschützen, sie hat als kleines Kind auch viel durchmachen müssen.

Um zu erklären wieso ich dann mit 18 Jahren in mein drittes Heim gekommen bin, möchte ich im nächsten Artikel meine Zeit in meinem neuen Zuhause beschreiben. Für mich ich es wichtig, die 13jährige anhaltende Leidenszeit in meinem neuen Zuhause  zu beschreiben , weil es sonst nicht nachvollziehbar wird, dass ich mit 18 Jahren lieber freiwillig in ein Heim gegangen bin, als in meinem schrecklichen neuem Zuhause zu bleiben.


von Oerni
Kommentar hinzufügen - Kommentare (1)ansehen

Über diesen Blog

Blog erstellen

Kalender

January 2012
M T W T F S S
            1
2 3 4 5 6 7 8
9 10 11 12 13 14 15
16 17 18 19 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29
30 31          
<< < > >>
Erstellen Sie einen Blog auf OverBlog - Kontakt - Nutzungsbedingungen - Werbung - Missbrauch melden - Impressum