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1. Der Anfang

Veröffentlicht auf von Oerni

Meine Mutter wuchs in Ostpreußen auf und hatte noch vier Geschwister. Die jüngere Schwester und meine Mutter kamen- als meine Mutter so ca. zehn Jahre alt war- in zwei unterschiedliche Kinderheime. Der jüngere Bruder kam in eine Pflegefamilie. Eine der älteren Schwestern war gehbehindert und ein Bekannter der Familie sorgte dafür, dass sie Zuhause bei der Mutter bleiben konnte. Die älteste Schwester arbeitete schon und musste somit auch nicht in ein Heim. Die genauen Gründe der Heimeinweisung sind mir nicht wirklich bekannt. Es hieß, dass der Vater vor der Polizei fliehen musste und die  Mutter der Kinder diese nicht ernähren konnte. Obwohl meine Mutter sehr viel vom zweiten Weltkrieg gesprochen hatte, tat sie es nicht von ihrer Zeit im Kinderheim. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach haben sich die Geschwister und ihre Mutter aus den Augen verloren und meine Mutter hat sich alleine durchs  Leben „schlagen“ müssen.

1948 wurde meine ältere Halbschwester (unehelich) geboren. Meine Mutter erzählte mir immer, dass meine Halbschwester aus einer Vergewaltigung stammte. Sie hat, Barbara, meine Halbschwester, mehr schlecht als recht versorgt und hat sich dann mit ihrem Kind von Osten nach Westen, von einem Lager in das andere, durchgeschlagen. In einem der Lager in der ehemaligen DDR lernte sie meinen Erzeuger kennen. Das war meine Entstehungsstunde. Es war nur eine flüchtige Begebenheit und meine Mutter zog weiter Richtung Westen. In der Nähe meines ersten Kinderheimes hat sie dann bei einem Bauern gearbeitet. Über die Vermittlung des Jugendamtes ging meine Mutter zum entbinden in das Frauenheim Wengern. Sie war damals 26 Jahre alt und es muss offen bleiben, wieso sie nicht in ein Krankenhaus ging. Vermutlich war es so praktischer, weil ich nach der Geburt in diesem Heim bleiben sollte, denn in diesem Heim waren schwangere Frauen die noch nicht volljährig waren und dieses Heim war eigentlich ein Erziehungsheim mit einer Säuglingsstation.

Meine Mutter brachte mich dort- wie sie mir berichtete- 1951 in einer Zelle zur Welt. Nach der Entbindung ist sie aus dem Heim wieder weggegangen und aus meinen Akten die ich später bekam konnte ich herausfinden, dass sie mich die nächsten Jahre nicht einmal besuchte, geschweige mit dem Heim Kontakt hielt. Es sollte mehr als 6 Jahre vergehen bis für sie wohl ein Lebensstandard erreicht war ihr Kind aus dem Heim zu holen, ein Kind das sie gar nicht kannte und umgekehrt dieses Kind sie auch nicht kannte.

Die Familie meiner Mutter bzw. das was noch von ihrer Familie da war, hat sie erst etwa 1965 durch das Deutsche Rote Kreuz wieder gefunden. Ihre älteste Schwester war seit Ende des Krieges vermisst und die zweitälteste Schwester wurde von einem Sexualtäter in den 1960er Jahren umgebracht.

Irgendwie hat die Familie doch nicht mehr so richtig zusammen gefunden. Sie waren sich fremd, und Jeder von ihnen wollte wohl mehr Verständnis von dem Anderen als sie zu geben bereit waren, zu viel war passiert. Das hätten sie wohl auch nicht gekonnt, zu viele Traumata lagen zwischen ihnen. Für das Leid meiner Mutter war ich zuständig, ich war "Willkommen" in dieser Familie und wurde Mädchen für alles. Ich hatte immer sehr viel Mitleid mit meiner Mutter und oft das Gefühl, ich habe den Zweiten Weltkrieg selber erlebt. Meine Mutter hat von nichts anderem gesprochen und ich hatte gelernt schweigend zuzuhören, wobei es schwer ist als Kind die damaligen Erlebnisse meiner Mutter überhaupt verstehen zu können.

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2. Spurensuche

Veröffentlicht auf von Oerni

Suche nach???

Ich habe mich die vielen Jahre meines Lebens nicht wirklich mit meiner Heimzeit auseinander gesetzt. Es war für mich eine Selbstverständlichkeit in Heimen gewesen zu sein und die ersten Jahre meines Lebens keine Vorstellung davon hatte, dass außerhalb meines Heimes eine andere Welt existierte. Ich kann mich nicht daran erinnern so Begrifflichkeiten wie Mutter und Vater in irgendeiner Form gehört zu haben, geschweige denn etwas damit zu verbinden. Ich bin dann mit etwas über sechs Jahren zu meiner Mutter gekommen, die für mich eine fremde Frau war und ich auch nicht wirklich eine Beziehung zu ihr aufgebaut  habe. Diese Jahre bei meiner Mutter, meinem Stiefvater und meiner Halbschwester waren für mich traumatische Jahre, die selbst nach scheinbarer Loslösung aus dieser Familie nachhaltig auf mich wirkten und in einer jahrelangen Psychotherapie hauptsächlich thematisiert wurden. Da war auch in der Therapie wenig Platz für meine Heimzeit und somit auch  kein Nachdenken über diese Zeit. Ich wollte mich aber auch nicht mit meiner Heimzeit auseinander setzen, weil ich befürchtete es könnte dort doch nicht gut gewesen sein und so hätte ich ertragen müssen bis zu meiner Volljährigkeit ein eher trostloses Leben gehabt zu haben. Ich klammerte mich an die Vorstellung mein Heim (damals wußte ich noch nicht, dass es zwei Heime gewesen waren) sei die einzige gute Zeit meiner Kindheit gewesen und diese Vorstellung wollte ich nicht aufgeben.

Dann sah ich eine TV Sendung über ein Heim und ich habe noch den gleichen Abend im Internet über Heime gestöbert. Ich kam dann in ein Forum für ehemalige Heimkinder und dort begann ich zum ersten Male bewusst über meine Heimzeit nachzudenken. Ich hatte auch schon bis dahin gelegentlich im Internet versucht mein Kinderheim in Wengern zu finden, aber erfolglos. Das habe ich dann auch mal im Heimforum geschrieben und ein User meldete sich dann und fragte nach, was ich noch für Erinnerungen an meinem Kinderheim hätte. Erinnerungen hatte ich nicht bzw. meine spärlichen Erinnerungen hätten nicht dazu beigetragen, mein Heim zu finden. Da er in der Gegend meiner Geburtsstätte lebte, war es aber für ihn nicht schwer mein Heim ausfindig zu machen und so stellte mir dann einen Link ins Forum und so erfuhr ich dann zum ersten Male, in was ich für ein Heim ich damals gewesen war und ich hätte es niemals ohne seine Hilfe gefunden. Wenn dieser User (er heißt Helmut) nicht gewesen wäre, hätte ich nie die Wahrheit über meine Kinderjahre erfahren.

Helmut ist in einem Heim ganz in der  Nähe meines Heimes in Vollmarstein aufgewachsen, unter grausamen Bedingungen und neben meiner eigenen Suche der Vergangenheit fing ich an die Geschichten anderer ehemalige Heimkinder zu lesen.

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3. Frauenheim Wengern

Veröffentlicht auf von Oerni

Ich glaubte immer in einem Kinderheim geboren und aufgewachsen zu sein, aber mein Kinderheim entpuppte sich als ein Frauenheim, d.h. Frauenheim mit einer Säuglingsstation. 

Beschreibung des Heimes:

Seit der Gründung im Jahre 1917 bietet die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen e.V. im Frauenheim Wengern Frauen - seit 1999 auch für Männer - Hilfen gemäß den sozialen gesellschaftlichen Erfordernissen an. 

Im Laufe der Jahrzehnte stellte so das Frauenheim Hilfen bereit für in Not geratene Frauen: unverheiratete Mütter, Prostituierte, aus dem Gefängnis entlassene ältere Frauen; es war tätig im Rahmen der Fürsorgeerziehung, Fürsorgeerziehungshilfe, Mutter-Kind-Arbeit.

Ich habe dann mit diesem Heim Kontakt aufgenommen mit der Bitte um nähere Informationen über meine Existenz in diesem Heim. Ich habe keine Heimakte bekommen aber einen Brief mit folgendem Wortlaut:

….im Archiv haben wir nach längerer Suche ihr Akte gefunden. 

Ihr Geburtsgewicht betrug: 3180 gr.

Länge: 52 cm

Kopfumfang: 33,5 cm

Sie werden beschrieben als ein zartgliedriges, aber gesundes Kind, Als hübsches Kind mit blondem, etwas gelocktem Haar und braunen Augen. Sie waren still und äußerst vorsichtig nicht vertrauten Personen gegenüber.

Sie wurden am 20.05.1954 in das Kinderheim „Gotteshütte“ in Kleinenbremen bei Bückeburg entlassen, da Sie unserer Säuglingsstation entwachsen waren. Von dort aus sollte eine passende Familie für die Familienpflege gesucht werden".

Ein Schreiben kurz gehalten über 3 Jahre meines Lebens, welches ich dort in Wengern auf einer Säuglingsstation verbrachte und dann die Verlegung in ein anderes Heim. Ich hatte keine Erinnerung an diese Verlegung und ich war irritiert und traurig. Es stellte sich das ein, was ich an mir kenne, wenn ich nichts fühlen möchte. Ich fange einfach an mich mit einer vorgeschobenen Arbeit zu beschäftigen. Keine Zeit für Gefühle, das mache ich oft so. Ich  hatte den Eindruck, dass man mich betrogen hatte, ohne darüber nachzudenken, wer nun dafür verantwortlich war. Mit der Überraschung des ersten Heimes das ja kein Kinderheim war, kam nun die Angst dazu, um was für ein Heim es sich bei den angegebenen Informationen des zweiten Heimes handelt und welche Überraschungen mich dort erwarten würden.

Aus dem ersten Heime möchte ich den Abschlussbericht zitieren:

"Betr.: xxxxxxxxx geb.xxxxxx 51 in Esborn

   1. Mutter:Hausgehilfin Hildegard
     xxxxxx, geb.16.6.26,Post:Velbert i.W.       
     bei Familie xxxxxxxxx

2.  Vormund: Jugendamt des Amtes Volmarstein AZ: Vb xxxxx

3.  Kostenträger: Wohlfahrtsamt Volmarstein

4.  Es liegen an: Geburtsurkunde, Taufschein, Impfschein und  Pol.

5. Xxxxxxx ist körperlich zwar etwas zart aber gesund. Sie ist letzthin zutraulicher geworden, aber sonst im Wesen still und zurückhaltend. xxxxx ist recht liebesbedürftig. Geistig ist sie ein wenig unter dem Durchschnitt, aber in der Entwicklung hat sie doch Fortschritte gemacht".

So viel zu den ersten drei Jahren meines Heimaufenthaltes in Wengern, Erinnerungen habe ich keine an diese Zeit. So bleibt mir von dieser Zeit nur eine kurze Beschreibung aus meiner Akte.

Auf Anfrage hin stelle ich die heutige Kontaktadresse dieses Heimes hinein:

http://www.frauenhilfe-westfalen.de/wengern/kontakt.html

Nachtrag:

Im Laufe der nächsten Jahre habe ich meine drei Heime besucht, so auch mein erstes Heim. Ich bekam problemlos meine Akte und durch den Beschreibungen meiner Person im Vergleich der Akte bzw. der Beschreibungen  meines zweiten Heimes konnte ich durchaus erkennen, dass mein erstes Heim sicherlich nicht eine Art von Säuglingsheim gewesen war, dass Säuglinge in jener Form von "Massenpflege betreute.

In diesem Heim hatte jede Schwester eine bestimmte Anzahl von Säuglingen und war hier Bezugsperson. Da ein "Nichterinnern" nicht gleich zu setzen eines Vergessens ist, kann ich lediglich schlussfolgern über meine Person-Persönlichkeit-meinen späteren Werdegang. So betrachtet gehe ich davon aus, dass diese Bezugsperson im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles getan hat was notwendig und möglich war und ich hätte sie gerne kennen gelernt. Leider bin ich in meiner Aufarbeitung doch zu spät, denn sie ist längst verstorben. Sie hat den Grundstein meines weiteren Lebens gesetzt und damit Voraussetzungen die mich stark gemacht haben meine weiteren Jahre besser zu überstehen. Auch  später mich weiter zu bilden, die Ausbildung zur Krankenschwester zu lernen, später auch noch das Abitur nachzuholen und einige Jahre später Psychologie zu studieren. Also ich bin auch Diplom Psychologin.                                           Dieses wäre niemals möglich gewesen, wenn ich diese Bezugsperson nicht gehabt hätte und so bleibt mir nur ein DANKE, ein DANKE für jene Diakonisse die das getan hat was eigentlich eine Mutter tun sollte! Meine Erzeugerin, die sich in den nächsten Jahren nicht einmal über mich erkundigt hat und als sie mich nach über 6 Jahren aus dem Heim holen wollte, erst einmal beim Jugendamt erkundigen mußte wo ich eigentlich untergebracht war.

 

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4. Das zweite Heim

Veröffentlicht auf von Oerni

Nachdem sich meine Irritation gelegt hatte, schaute ich im Internet was nun das zweite Heim war und überhaupt wo es geografisch lag, denn die Stadt Kleinenbremen sagte mir gar nichts.

Dazu folgende Beschreibung:

Vom "Rettungshaus Gotteshütte" zum "Jugendhof Porta Westfalica"

Die "Gotteshütte" in Kleinenbremen wurde 1853 von Gemeindemitgliedern des Kirchenkreises Minden als christliches Rettungshaus für "verwahrloste" Kinder bis zum Konfirmationsalter gegründet. 1861 wurden ihr durch königliche Verfügung Körperschaftsrechte verliehen, und 1929 erkannte der preußische Finanzminister die "Gotteshütte" als Milde Stiftung an.
Aus dem "Rettungshaus" wurde später - in der Satzung erstmals 1935 - das Erziehungsheim Gotteshütte. Nach abermaliger Umbezeichnung 1976 in Jugendhof Gotteshütte nennt sich das Heim seit 1985 Jugendhof Porta Westfalica. Seit 1979 ist die "Gotteshütte" als Evangelische Stiftung anerkannt, die, als privatrechtlicher Träger der Einrichtung, in ihrer Bezeichnung den ursprünglichen Namen tradiert.

Also wie schon das erste Heim war auch die Gotteshütte in der Begrifflichkeit im eigentlichen Sinne ein Erziehungsheim. Die spärlichen Erinnerungen meiner ersten Kinderjahre waren nun für mich für dieses Heim zuzuordnen. Es waren nicht wirklich viele Erinnerungen die ich hatte. Die eindrucksvollste Erinnerung war der Lebertran, den wir Kinder bekamen. Ich erinnere mich an diesen schrecklichen Geschmack und auch daran, dass ich es wohl gelegentlich schaffte ihn heimlich (wo auch immer) auszuspucken. Ich erinnere mich sehr lange alleine am Tisch gesessen zu haben und in meinem Essen herum gestochert zu haben. Das Gefühl des Alleinseins ist mir dabei  immer noch sehr gegenwärtig. Wenn wir gebadet haben wurden wir immer zu zweit in die Wanne gesteckt. Ich hatte auch ein Loch im Kopf und die Stelle am Hinterkopf kann man als eine kleine Ausbuchtung fühlen. Dann hatte ich mal eine Verletzung am linken Fuß und ich kann mich noch deutlich daran erinnern, dass ich im Bett lag und Schmerzen hatte. Ich war alleine und habe viel geweint. Dann war einmal der Nikolaus da und ich bekam einen Schokoladen Nikolaus. Die Tanten sagten mir, dass sie ihn für mich aufbewahren und als ich am nächsten Tag meinen Nikolaus haben wollte war er weg. Ich war sehr enttäuscht. Dann weiß ich noch dass  mich  eine Tante an der Hand nahm und mir die Schule zeigte in der ich bald eingeschult werden sollte und darauf freute ich mich riesig. An bestimmte Personen habe ich keine Erinnerung mehr.

Meine Heimakte

Der heutige Heimleiter der Gotteshütte hatte in der Nähe meines Wohnortes eine Tagung und hat mich dann auf meiner Arbeitsstelle besucht. Er ist ein netter verständnisvoller Mensch, der mir aufmerksam zuhörte. Ich habe ihn gleich gefragt, ob ich als Kind Probleme mit dem Essen gehabt habe und er konnte es bestätigen. Ich habe ihm dann von den schrecklichen Jahren nach der Gotteshütte erzählt. Er hat mir dann meine Originalakte gegeben und dafür bin ich ihm sehr dankbar, natürlich mit der Bitte, ihm die Akte auch wieder zurück zu schicken. Das habe ich- nachdem ich meine Unterlagen alle kopiert habe-selbstverständlich gemacht.

                                                                                                                                                                                            In dieser Akte befand sich das einzige Bild was bis zu meinem 6. Lebensjahr existierte, auch die Negative dazu. Ich hatte dieses Bild vor fast 50 Jahre bei meiner Mutter gesehen und freute mich nun endlich das Original zu haben. Der Heimleiter sagte mir schon bei seinem Besuch, dass ich das Originalbild behalten darf. Viele Menschen halten es sicherlich für selbstverständlich Bilder aus ihren Kindertagen zu haben. Erst wenn man keine Bilder hat, weiß man zu schätzen, was ein einziges Bild für einen Menschen bedeuten kann.

Ich habe das Bild später bei meiner Mutter gesehen und auf der Rückseite stand folgender Spruch:
"Sei stark mein Herz ertrage still, der Seele tiefes Leid.
Denk, daß der Herr es also will, der fesselt und befreit. Und traf dich seine Hand auch schwer, in Demut nimm es an.
Er lädt auf keine Schulter mehr, als sie ertragen kann".

Von Leid verstand ich schon sehr früh etwas und ich war in den Heimen gottesfürchtig erzogen worden und so sah ich es fast als selbstverständlich an, dass das Leben offensichtlich nur aus Leid besteht. Unklar bleibt, ob meine Mutter diesen Spruch auf der Rückseite geschrieben hat, oder irgendein Mensch aus der Gotteshütte.
Briefe meiner Mutter
Es befanden sich auch einige Briefe meiner Mutter in dieser Akte, die mir aber absolut nichts bedeuten und auch nicht überraschten. So begründete sie ihr nicht besuchen meiner Person mit einer Herzkrankheit. Sie hat ja noch nie der Wahrheit nahe gestanden und so war ich über ihre Begründung nicht ernsthaft verwundert. Meine Mutter ist jetzt 88 Jahre (2015) und hat nun die für ihr Alter durchaus verständlichen Krankheiten, aber ganz sicher war sie früher gesund. Wahrscheinlich musste sie für sich irgend eine Begründung finden, weil es sicherlich selbst für eine Frau wie sie noch eine fadenscheinige Begründung geben musste, ein Kind zu haben, dass sie bis zu dem 6. Lebensjahr noch nie gesehen hatte, obwohl sie in ihren  Briefen beteuerte mich genau so lieb zu haben, wie ihr erstes Kind, meine Halbschwester. Ein Kind lieb haben das man gar nicht kennt finde ich nicht nachvollziehbar. Es ist wohl eher eine Vorstellung und der gesellschaftlichen Rolle einer Mutter geschuldet, als wirklich empfundene Gefühle gegenüber eines Kindes.

Interessanter waren dann schon die Berichte der sogenannten Erzieher. Früher wurden diese Berichte ja noch mit der Schreibmaschine getippt und die Durchschläge waren in der Akte. Keine Ahnung wer die Originale bekommen hat.

Aus den Berichten ging hervor, dass ich eigentlich in eine Pflegefamilie vermittelt werden sollte, was aber bis etwas über 5 Jahre meines Lebens nicht möglich war, weil ich offensichtlich nicht den Vorstellungen der damaligen Erzieher entsprach um in einer Pflegefamilie vermittelt zu werden.

Ein Kind, welches beim Essen Probleme machte und das dann so in der Akte vermerkt wurde, dass ich wählerisch beim Essen gewesen sei. Ich habe auch in den Jahren nicht altersentsprechend zugenommen und außerdem sei ich ein schwieriges Kind gewesen. So war das also.

Auszug aus einem Bericht: 25.8.55

Xxxxxxxxx hat in ihrer körperlichen Entwicklung nur geringe Fortschritte gemacht. Für ihr Alter ist sie zart und schmächtig, wiegt z.Zt. 14,-kg. Ihr Appetit lässt meist zu wünschen übrig. Die geistige Begabung ist wahrscheinlich  unterdurchschnittlich. In der letzten Zeit geht das sonst recht passive, etwas zurückhaltende, stille Kind mehr aus sich heraus und wird lebhafter, macht auch Fortschritte im Sprechen. Die Sprachentwicklung entspricht etwa dem Lebensalter. Xxxxxx singt auch schon gern mit. Beim Spielen hat sie noch wenig Phantasie und Ausdauer sitzt oft verträumt da, stört aber nicht. Xxxxxx ist sehr liebesbedürftig und dankbar für persönliche Zuwendung. Sie fällt in der Gruppe kaum auf und macht keinerlei erzieherische Schwierigkeiten.

Seit Xxxxx Unterbringung in unserm Heim hat sich die Mutter nie um ihr Kind gekümmert. Ihre derzeitige Anschrift ist hier auch nicht bekannt.

Kaum ein Jahr später wurde ich offensichtlich verhaltensauffällig, so dass ich zu einem Psychiater und oder Psychologe musste.

Auszug aus diesem Bericht:

„ Z.Zt. negative Schwankung. Sie ist entwicklungsgehemmt (etwa 1 Jahr Rückstand). Schwierigkeiten entspringen der verspäteten 1. Trotzphase. Ruhig und bestimmt, aber liebevoll führen. Von Sonderlichkeiten (Nichtsprechen!) kein Aufhebens machen. In 3 Monaten.

27.4.1956 gez. Dr. Roos

Ob das Nichtsprechen auf einer Trotzphase zurück zu führen ist kann ich nicht beurteilen. Als ich später zu meiner Mutter kam, hat das Nichtsprechen 13 Jahre angehalten. Allerdings nur Zuhause und das aus Angst. „Draußen“ spielend mit anderen Kindern und auch in der Schule war ich ein „fast normales“ Kind, das sich nicht hat anmerken lassen, dass es ein Zuhause hatte was einer Hölle gleich kommt.

Nun mein Abschlussbericht von der Gotteshütte war dann sehr wohlwollend geschrieben, denn es war auch nicht mehr notwendig mich in einer Pflegefamilie zu vermitteln. Meine Mutter meldete sich  und ich kam dann am 30.12.1957 zu ihr. 

Die letzten Sätze meiner Akte :

30.12.57 Xxxx wurde heute mit Zustimmung des Kreisjugendamtes Schwelm als Amtsvormund aus unserem Heim entlassen, von einer Fürsorge des Stadtjugendamtes B……

Abgeholt, um im Haushalt der Mutter u. des Stiefvaters xxxxxxxx untergebracht zu werden.
So habe ich also innerhalb der ersten Jahre zweimal meine soziale Bezugswelt wechseln müssen. Immer dann, wenn es mir ein wenig besser ging musste ich woanders hin. Keine Ruhe für irgendwelche  Entwicklungen, die ein Kind notwendigerweise braucht.

Sicherlich habe ich bis dahin in den Kinderheimen nicht die extremen gewaltigen Erfahrungen gemacht, die ich von anderen ehemaligen Heimkindern gehört habe. Aber als eine einigermaßen zufrieden stellende Kindheit  kann ich meine Heimzeit nun auch nicht betrachten. Dennoch ist diese Zeit nicht annähernd damit zu vergleichen, was nun in den  nächsten 13 Jahren in dem Haushalt meiner Mutter folgen sollte.

Die Reise

Ich kann mich nicht an bestimmte Einzelheiten erinnern, als ich von einer fremden Frau mit dem Zug in meinem neuen Haushalt kam. Es sind lediglich Fragmente. So staunte ich auf der Fahrt mit dem Zug, wie die Bäume sich aus meiner Sicht so schnell bewegten, d.h. so schnell immer wieder weg waren. Zu schnell um es zu begreifen, denn ich war ganz sicher bis zu diesem Zeitpunkt noch nie mit dem Zug gefahren. An einer Frage, die ich dieser Frau stellte kann ich mich aber noch sehr genau erinnern. Es gab offensichtlich eine Unterhaltung über mein neues Zuhause und ich stellte dieser Frau die Frage, ob ich denn wieder nach Hause darf, wenn es mir bei den Leuten nicht gefallen würde. Die Frau bejahte es und diese Frage ging mir noch Jahre später durch den Kopf, wie man es eigentlich anstellen kann wieder nach Hause zu kommen (also in meinem Heim).

Dort in dem „neuen Zuhause“ wurde ich vollständig ausgezogen und in ein Badetuch eingehüllt. Wahrscheinlich kam die Kleidung wieder zurück ins Heim, weil die Kleidung dem Heim gehörte. Dann verabschiedete sich die fremde Frau, die mir aber doch lieber war, als die Menschen, bei denen sie mich zurück gelassen hatte. Was danach so im Einzelnen ablief weiß ich auch nicht mehr so genau. Ich habe dann nur eine sehr lange Zeit geweint und meine Halbschwester versuchte mich zu trösten. Meine Mutter war nicht präsent, noch heute glaube ich, dass sie zutiefst enttäuscht war, dass ich ihr nicht vor lauter Freude um den Hals gefallen bin. Ich kann mich aber auch nicht daran erinnern, dass sie mich in den Arm genommen hat oder gar getröstet hat. Das blieb meiner Halbschwester überlassen und ich bin ihr bis heute dafür unendlich dankbar, auch wenn wir beide Jahre später unsere eigenen Wege gegangen sind und auch keinen Kontakt haben.

So haben wir auch ein gemeinsames Bett gehabt und ich habe die erste Nacht weinend in ihrem Arm gelegen, bis ich vor Erschöpfung einschlief. Das ging dann einige Tage so und meine Halbschwester hat dann letztlich so die Mutterfunktion für mich übernommen und mich auch „Draußen“ vor der feindlichen Welt beschützt. Ich kann mich noch an einer Szene erinnern, dass sie schützend den Arm um mich legte, als wir nach "Draußen" gingen, wo die anderen Kinder mir nicht gerade wohlgesonnen waren. Ob sie mich beschimpften oder mit dem Finger auf mich zeigten, egal, meine Halbschwester war da. Nach einiger Zeit legte sich aber das Verhalten dieser Kinder und ich wurde in ihrer "Gemeinschaft " aufgenommen. Von da an gab es für mich zwei Welten. Die eine Welt, da „Drinnen“, meine Mutter, die mit ihrer viel zu lauten Stimme mir immer nur Angst einflößte und die Welt da „Draußen“- mit spielenden Kindern- und da fühlte ich mich wohl.                                                                                                                                                    Meine Mutter hat nach außen hin immer die Möglichkeit gesucht eine heile Welt in Fotos festzuhalten. Gelegentlich mussten dann meine Halbschwester und ich zum Fotografen um das zu dokumentieren. Meine Halbschwester ist drei Jahre älter als ich. Obwohl sie von Geburt an immer bei meiner Mutter gelebt hat, habe ich sie nie um ihr Leben beneidet. Meine Mutter war nicht fähig meine Halbschwester zu beschützen, sie hat als kleines Kind auch viel durchmachen müssen.

Um zu erklären wieso ich dann mit 18 Jahren in mein drittes Heim gekommen bin, möchte ich im nächsten Artikel meine Zeit in meinem neuen Zuhause beschreiben. Für mich ich es wichtig, die 13jährige anhaltende Leidenszeit in meinem neuen Zuhause  zu beschreiben, weil es sonst nicht nachvollziehbar wird, dass ich mit 18 Jahren lieber freiwillig in ein Heim gegangen bin, als in meinem schrecklichen neuem Zuhause zu bleiben. 

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5. Die neue "Höllenheimat"

Veröffentlicht auf von Oerni

Meine Mutter arbeitete bei einer Nachbarsfamilie, die einen kleinen Lebensmittelladen hatten, als eine Art „Mädchen für alles“. In dieser Familie gab es einen Jungen der so alt war wie ich und einen etwa drei Jahre jüngeren. Irgendwie gehörten unsere beiden Familien zusammen, denn es gab nicht wirklich so etwas wie getrennte Haushalte. Wir (also meine Schwester und ich) waren tagsüber größtenteils dort bei den Nachbarn. Mein Vater war Arbeiter auf der Zeche, ein stiller ruhiger Mann, der nur nachts hin und wieder -  wenn er Albträume hatte laut schrie. Ich wurde etwa ein halbes Jahr nach meinem Ankommen in meiner nun neuen Familie eingeschult und unterschied mich von den anderen Kindern am ersten Schultag lediglich darin, dass ich nicht die klassische Schultüte bei mir hatte. Ein Jahr später hat sich meine Mutter die Schultüte von dem Nachbarsmädchen ausgeliehen und ein Foto davon gemacht. Sie brauchte offensichtlich für sich selber diese Form von Heuchelei, Verlogenheit, um zumindest in Bildern zu zeigen, dass alles "richtig" ist, ungeachtet der Wahrheit, die es für sie sowieso nicht gab. Sie schaffte sich ihre eigene Welt und ihre eigene Wahrheit.

 

Nach dem ersten halben Jahr gab es die ersten Schulnoten, bzw. es war nur eine Note und ich hatte lediglich ein ausreichend. Ich würde meinen, dass das der Auftakt meiner Mutter war, sich jetzt doch um mich zu „kümmern“. So fing es dann an, dass meine Mutter mir gegenüber gewalttätig wurde. Sie versuchte mir das Lesen beizubringen und wenn ich nicht gleich verstand gab es Ohrfeigen. Ihre Gewaltausbrüche steigerten sich allmählich und fanden dann nicht mehr nur  bei den Lernsituationen statt, sondern generalisierten zu jeden Gelegenheiten. Es war, als wenn bei meiner Mutter ein Ventil geöffnet war und sie nun ihre ganzen bitteren Erfahrungen ihres bisherigen Lebens an mir abarbeiten konnte. Die körperliche Gewalt mit Gegenständen, die sie gerade ergreifen konnte, war eine von vielen Varianten ihrer brutalen Haltung und unkontrollierten Wutausbrüchen. Wenn sie mich verprügelte, konnte man meine Schreie einige Häuser weiter hören und ich weiß auch, dass meine Mutter wegen mir viele Auseinandersetzungen mit der Verwandtschaft meines Vaters hatte, die es nicht richtig fanden, was meine Mutter mit mir machte. Aber mir half es wenig, sie ließ keine Gelegenheit aus, jeden Menschen zu erzählen, was ich für ein missratenes Kind sei. Aber damit man meine lauten Schreie nicht so hörte, hat sie mir mal ein Kissen auf das Gesicht gedrückt. Ich weiß nicht wie ich es geschafft habe, mich vor dem Ersticken zu retten. Ich wehrte mich verzweifelt und konnte mich aus dieser Notlage befreien. Von nun an hatte ich Todesängste und versuchte bei körperlicher Gewalt nicht so laut zu schreien, damit nicht wieder so etwas passiert. Ich hatte lange nach dieser Aktion Albträume und habe überhaupt oft sehr schlecht geschlafen, weil ich befürchtete, dass meine Mutter mir im Schlaf irgendetwas antut. Ich schlief lange Jahre bei meiner Schwester, bevor  ich mein eigenes Bett bekam. Ich weiß nicht, wieso eines Abends – ich war etwa 8 oder 9 Jahre alt - steckte  meine Mutter mich in ihr Schlafzimmer  und verschloss die  Tür. Sie ging zu den Nachbarn, wo sie auch öfters abends war und ich war zum ersten Male von meiner Schwester getrennt. Das war der eine Punkt, aber dass sie auch noch die Tür verschlossen hat versetzte mich in Panik. Ich ging zum Fenster und schrie um Hilfe, aber das hat wohl keiner gehört. Also bin ich  aus dem Fenster geklettert und habe mich dann vorsichtig bis zu der Dachrinne vorgetastet. Dann bin ich herunter gesprungen ohne zu überlegen was das für mich bedeuten könnte, die Panik war zu groß. Ich schätze die Höhe des Fensters so auf drei Meter und ich weiß dann nur noch dass ich mit einem Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht wurde.  
Es ist das Fenster oberhalb der Dachrinne, das vierte Fenster rechts!


Ich hatte mir aber keine ernsthaften Verletzungen zugezogen. Meine Mutter erzählte jedem, der es hören wollte, dass ich wohl mondsüchtig sei und ich schwieg zu dem Vorfall. Außer der körperlichen Gewalt waren die Demütigungen, denen ich ausgesetzt war, die Ereignisse, die ich als besonders traumatisch in Erinnerung habe. Sie sind so extrem mit Scham besetzt, dass ich an dieser Stelle nichts davon schreiben werde, ich habe viele dieser demütigenden Situationen noch nicht einmal später meiner Therapeutin erzählt.

Ich denke auf jeden Fall, dass ich nicht extrem Verhaltensauffällig wurde lag wohl daran, dass ich in der Welt „Draußen“ - sei es mit den anderen Kindern spielen- oder auch in der Schule sein, als eine gute Zeit empfand, die mir geholfen hat, die Welt da „Drinnen“ zu ertragen. Da war es fast schon angenehm, wenn meine Mutter mich in den Keller schickte, da musste ich dann in der Ecke stehen, Sie konnte allerdings nicht überprüfen, ob ich auch die Stunden über in der  Ecke stand, weil unsere Wohnung ja im ersten Stock lag, so konnte ich mich wenigstens auf die Kellerstufen setzen. Ich hatte immer viel Zeit und träumte von schönen Dingen und habe dabei so eine lebhafte Phantasie entwickelt, dass es mir nicht langweilig wurde, aber ich träumte auch davon, wieso ich eigentlich auf dieser Welt bin und warum ich so viel leiden muss. Ich träumte davon, dass alles einmal anders wird, wenn ich älter werde und dass ich so lange Geduld haben muss. Es wurde aber, als ich älter wurde noch schlimmer.

So etwa ab dem 11. Lebensjahr durfte ich auch nicht mehr so viel nach Draußen mit den anderen Kinder spielen. Ich weiß wirklich nicht was schlimmer war, all die körperliche Gewalt oder am Fenster die Kinder beim Spielen zusehen. Ich war immer viel alleine in unsere Wohnung, hatte einige Arbeiten zu erledigen und dann war nichts da, womit ich mich hätte beschäftigen können. Meine Halbschwester war auch oft weg und ich habe schon früh die Vorstellung von Einsamkeit gehabt, dennoch war ich froh, wenn meine Mutter nicht da war. In ihrer Nähe musste ich immer wachsam sein, weil sie unvermittelt Schläge austeilte.  Ich habe tatsächlich ein gutes Reaktionsvermögen entwickelt und konnte oftmals ausweichen. Die Schläge auf dem Kopf und ins Gesicht haben mir eine leichte Schwerhörigkeit am linken Ohr eingebracht. Später sagte mir mal ein HNO Arzt, ich hätte so die typische Diskothekenschwerhörigkeit, nun er konnte ja die wahren Ursachen nicht wissen.

Als ich mit 14 Jahren aus der Schule kam machte ich eine kaufmännische Lehre, die sie selbstverständlich entschieden hatte ohne auch nur ansatzweise mit mir darüber zu sprechen. Aber ich hoffte weiter, dass nun doch manches für mich leichter wird. Es war nicht so, Schläge, Keller, Arbeiten mehr war nicht. Von der Arbeit direkt nach Hause kommen, meine Mutter schaute genau auf die Uhr. Als mich meine Mutter einmal mit dem Gartenschlauch vertrimmte, habe ich die sichtbaren Spuren meiner Chefin gezeigt. Diese war sehr empört und wollte sich auch an das Jugendamt wenden, aber es blieb bei der guten Absicht. Ich dachte wenn ich erst einmal 16 Jahre bin wird es besser, ich dachte wenn ich 18 Jahre bin wird es besser. Nein es wurde nicht besser. Ich habe damals in einer Fabrik gearbeitet, auch wenn es einige Kilometer entfernt war musste ich bei Wind und Wetter dort mit dem Fahrrad hinfahren. Meine Halbschwester arbeitete in der gleichen Fabrik und fuhr mit ihrem Freund gemeinsam mit dem Auto, die gleiche Strecke, die gleiche Zeit. Hatte ich früher zu meiner Halbschwester doch einige Jahre ein durchaus gutes Verhältnis, änderte es sich mit den Jahren. Meine Mutter verstand es gut mich überall als missratenes Kind darzustellen und auch den Eindruck zu erwecken, als wenn ich Schuld sei an alles – was es auch immer war – Ich war mehr als das klassische schwarze Schaaf, ich war der Blitzableiter für alle schlechten Zustände meiner Mutter, aus der Vergangenheit, Gegenwart und der möglichen antizipierten Zukunft. Meine Halbschwester stand völlig auf der Seite meiner Mutter und hat sich auch gelegentlich an den Prügelaktionen beteiligt. Ich fing sie an zu hassen, ich fühlte mich verraten. Als ich dann 18 Jahre war, hatte ich wieder so etwas wie Hoffnung, nun einer möglichen Freiheit näher zu sein. Aber nichts veränderte sich, aber ich fing mich an zu verändern. Es war kein bewusster Prozess, aber ich begreife ihn aus der Retrospektive. Ich fing an die Hoffnung zu verlieren, auch wenn ich wusste dass man erst mit 21 Jahre volljährig war, hatte ich nicht mehr die Hoffnung daran zu glauben, dass ich so alt werde. Ich fing an körperliche Schmerzen auszuhalten. So hat mich meine Mutter mit ihren Pantoffeln ins Gesicht geschlagen, rechts, links und ich schützte mich nicht mehr. Das war der Tag, an dem ich den Schmerz besiegte. Ich weiß aber nicht wie lange ich es ausgehalten hätte, denn erstaunlicherweise hat sich dann bei dieser Begebenheit meine Halbschwester eingemischt, so weiß ich nicht, wie es ohne ihre Einmischung ausgegangen wäre.

Dann kam der Tag an dem ich alles satt hatte, es musste ein Ende haben egal wie. Wie jedes Wochenende musste ich die Wohnung putzen und ich sagte einfach NEIN. Meine Mutter konnte es gar nicht fassen und nachdem sie sich von ihrem Erstaunen erholt hatte gab es natürlich Prügel. Sie dachte danach, nun würde ich putzen aber ich verweigerte mich wieder. Als ihr außer Prügel nichts mehr einfiel musste ich mich bei uns im Hof an der Wand stellen. Irgendwie hatte ich mich schon darüber gewundert, denn normalerweise musste ich ja in den Keller. Ich hörte sie zu meinem Stiefvater sprechen, der eigentlich noch nie was wirklich im Leben begriffen hat (er war tatsächlich geistig minderbegabt) aber dann sagte er einen wirklich wichtigen Satz: „Schmeiß sie doch raus“ und meine Mutter schrie und lamentierte weiter. Dieser Satz war für mich wie eine Erleuchtung und ich dachte mir, dass sie mich nicht rausschmeißen müssen, ich gehe von alleine. Ich gab mir dann ein Versprechen, dass da lautete, dass ich jetzt gehen werde und egal was passiert nie mehr wieder kommen würde.

Ich brauchte gar nicht lange überlegen wohin ich ging. Ich ging zu meiner Tante, die zu meiner Mutter schon seit langer Zeit keinen Kontakt  mehr hatte und nur ein paar Straßen weiter wohnte. Ich wusste, sie würde mich nicht wieder zu meiner Mutter schicken, mehr dachte ich in diesem Augenblick erst einmal nicht. Meine Tante begrüßte mich freundlich und es war ihr klar, dass ich nicht mehr nach Hause gehen wollte, denn sie hatte früher oft genug mitbekommen, wie ich Zuhause misshandelt worden bin und ich habe ihr immer so leid getan. Samstagabend stand dann auch meine Mutter vor der Tür meiner Tante und wollte dass ich zurückkomme. Ich  hatte mich mit meiner Cousine in dem Schlafzimmer meiner Tante eingeschlossen und meine Tante hat sich echt klasse verhalten. Sie hat meine Mutter einfach rausgeschmissen und meine Cousine und ich konnten uns ein Lachen nicht verkneifen. In dem Moment war ich sehr erleichtert, die Angst und die Ungewissheit, wie es nun weiter gehen soll, kam erst am nächsten Tag. Ich habe mir dann überlegt, gleich Montag früh zu dem Jugendamt zu gehen und dort den Wunsch zu äußern, in ein Mädchenwohnheim zu wollen.

So kam es dann auch, gleich Montag früh ging ich zum Jugendamt und erzählte der Frau K, die ich kannte von meinem Leben und von meinem Leiden. Sie war nicht wirklich an meiner Situation interessiert und sagte mir lediglich, dass meine Mutter schon da war und ich sollte wieder nach Hause gehen. Sollte ich mich weigern müsste ich in ein Heim. Da ich die Vorstellung hatte, dass Frau K so eine Art Mädchenwohnheim meinte stimmte ich freudig zu.

So fuhr Frau K erst einmal mit mir zu einem Kinderheim weil ich nicht länger bei meiner Tante bleiben sollte. Ich machte mir tatsächlich keine Sorgen, weil ich auch in den nächsten Wochen noch weiter arbeiten ging. Ich dachte es wird nun alles gut und ich beginne nun ein neues Leben. Ich blieb so etwa 3- 4 Wochen in diesem Kinderheim, arbeitete noch weiter in der Fabrik, bis mich eines Morgens Frau K mit dem Auto abholte und mir sagte, dass wir nun zu meinem neuen Heim fahren. Ich war nicht wirklich traurig mein altes Leben hinter mir zu lassen, denn ich war fest davon überzeugt nun ein neues Leben in Freiheit anzufangen. Noch heute wundere ich mich, dass wir auf der Fahrt in mein neues Leben kaum miteinander redeten, ich stellte auch keine Fragen. Ich nahm es einfach so hin wie es war, aber auch in der Hoffnung, dass nichts schlimmer werden kann, was hinter mir liegt. Ein neues Leben sollte beginnen, in Freiheit, so glaubte ich es.


 

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6. Wo bin ich hier? Werther - Waldheimat

Veröffentlicht auf von Oerni

Nach einigen Wochen in dem Kinderheim holte mich Frau K mit dem Auto ab und wir fuhren in dem Heim, wo ich nun in Zukunft leben sollte. Ich hatte mir konkret noch keine Gedanken gemacht, was ich in Zukunft für eine Arbeit machen werde, aber ich ging davon aus, dass Frau K vom Jugendamt es mir schon rechtzeitig mitteilen wird. Zunächst war es ja  erst einmal wichtig, wo ich in Zukunft wohnen werde. Mit dem Auto ging es nun los und wir haben uns auch nicht viel auf der Fahrt unterhalten. Ich habe wenig von dieser Fahrt in Erinnerung, aber an die Ankunft meines „neuen Zuhause“ kann ich mich schon besser erinnern.

Der Wagen fuhr in einer Toreinfahrt ein und wir stiegen aus. Es gab dort einige Häuser und in eines der Häuser wurden wir von einer Diakonisse begrüßt. Die Kleidung dieser Diakonissen war mir fremd, bis dahin kannte ich nur Nonnen. Ganz so stimmt es nicht, denn in meinen ersten zwei Heimen meiner Kindheit mussten auch Diakonissen gearbeitet haben, aber die waren mir fremd, diese „merkwürdigen“ Ordenstrachten. Was nun im Einzelnen geschah, weiß ich  nicht mehr, nur noch, dass ich gewogen und meine Größe gemessen wurde und das fand ich irgendwie eigenartig. Nach einer Weile habe ich mich von Frau K verabschiedet und ich musste mit einer anderen Diakonisse (oder war es die gleiche?) über den Hof in ein anderes Haus gehen. Sie schloss die Tür auf und ich befand mich in einen dunklen Flur, der etwas eng war, weil überall Kartons herum standen, so als wenn man sich gerade in einem Umzug befand. Hinter mir schloss die Diakonisse die Tür und nun klingelten bei mir sämtliche Alarmglocken. Was war das? Wieso schloss sie die Tür von innen zu? Ich stellte ihr die Frage, wo wir denn hier sind und sie antwortete, ob ich nicht weiß, dass ich in einem Erziehungsheim sei und ich antwortete nein, das weiß ich nicht. Ich bekam nun Angst, denn das Wort Erziehungsheim kannte ich und alles was ich je damit verband war absoluter Horror. Eine Cousine von mir war vor Jahren in einem Erziehungsheim und wir Kinder hatten eine Heidenangst vor so einer Institution. Es war ja auch früher so, dass das Wort Erziehungsheim oft bei inkompetenten Eltern als Drohmittel eingesetzt wurde und das hat man schon als Kind mitbekommen. Nun war ich in so einem schrecklichen Heim. Wir gingen dann weiter und betraten ein Zimmer und viele neugierige Mädchengesichter starrten mich an. Eine Frau begrüßte mich und ich musste mich vorne in ein großes  Zimmer auf einen Stuhl setzen. Die Frau hieß Frau Schlüter und sie fragte mich, ob ich stricken kann und als ich es bejahte gab sie mir Wolle und zwei Stricknadeln und ich musste stricken. Ich fand das recht eigenartig, war aber froh dass ich beim stricken den Kopf senken konnte, um den neugieren Blicken der Mädchen auszuweichen. Ich kämpfte mit den Tränen und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Nach etwa ein oder zwei Stunden war Mittagspause und es gab Mittagessen. Ich  musste mich an einem Tisch mit drei anderen Mädchen setzen und was wir so im Einzelnen gesprochen haben weiß ich nicht mehr. Es war auch kein wirkliches Gespräch eher so ein leises Flüstern, denn insgesamt ging es beim Essen sehr schweigsam zu., was ich sehr eigenartig fand. Eines der Mädchen sagte zu mir, ich sei hier die erste die nicht angefangen habe zu weinen und das war nicht wirklich ein Trost, denn sie konnte ja nicht ahnen, dass ich die ganze Zeit über versuchte meine Tränen aufzuhalten. Als das Essen vorbei war musste ich im Keller ein Bad nehmen und bekam eine andere Kleidung. Irgendwann sah ich dann mein Zimmer und das gab mir dann sozusagen den Rest und nun fing ich an zu  weinen.

Wo bin ich hier????

Wenn meine Mutter gekommen wäre, um mich wieder mit zur Höllenheimat zu nehmen, wäre ich mitgefahren, ungeachtet dessen, was mir dann passiert wäre. Mein Zimmer bzw. meine  Zelle:

etwa 1,50m x 2,50. Ein Bett, dahinter ein Stuhl, links davon ein Nachtschränkchen mit einer Waschschüssel, ein Buch die Bibel: das neue Testament. Das Fenster konnte nicht aufgemacht werden, nur ein kleines Viereck. Unter dem Bett ein Nachttopf und ein Staubtuch. In der Zelle wurde man nicht eingeschlossen, sondern es gab ein Klingelsystem und darüber war ich erleichtert.

Der Tagesablauf                                    

Nach dem Frühappell musste man sich in der Schüssel mit kaltem Wasser waschen. Dann gab es ein Befehl: "Hofseite raus". Dann mussten die Mädchen dieser Seite mit der Waschschüssel austreten, sich einreihen und nach und nach ihre Waschschüssel ausleeren. Ich habe regelmäßig meine Luft angehalten, weil mir gegenüber eine Bettnässerin war und ein bestialischer Geruch aus ihrer Zelle kam. Danach gingen wir wieder auf die Zellen und die andere Seite – Gartenseite war dran. Dann die gleiche Prozedur mit dem Nachttopf. Der Zellenboden musste dann mit dem Tuch geputzt werden und wieder die gleiche Prozedur. Wenn alles durch war, mussten sich alle Mädchen an der Treppe versammeln und es wurde stichprobenartig die Losungen abgehört. Dann ging es ab in die Kapelle. Das Beten und die christlichen „Werte“ waren uns  egal, jedoch freuten wir uns die anderen Mädchen aus den anderen Häusern zu sehen. Danach ging es zum Frühstück, selbstverständlich wie zu allen anderen Gelegenheiten schweigend. Danach die letzte Chance zum Toilettengang und dann wurde gearbeitet.

Arbeitsraum: (allerdings ein älteres Bild von einer Ansichtskarte)

(Der Raum ist fast genau so gewesen, nur die Nähmaschine rechts stand dort nicht mehr. Hinter dem großen Tisch war der Speiseraum.)

In der Hauptsache Handtücher zusammenlegen und in Kartons verpacken. Den Namen der  Firma fällt mir leider nicht mehr ein, aber ich habe inzwischen hilfreiche Unterstützung gehabt und so weiß ich auch, dass die Firma FLOREX hieß.  In der Arbeitszeit Sprechverbot und keine Chance zur Toilette zu gehen.  Eine andere Arbeit war noch Kartoffel schälen. Dazu zog man sich graue Kittel über, Holzschuhe an und dann über den Hof zu einem  anderen  Haus, dort im Keller befand sich der Raum, wo wir dann die vorgeschälten Kartoffeln noch den „letzten Schliff“ gaben. Ich habe mich anfänglich darüber gewundert, wieso wir für diese Tätigkeit Holzschuhe tragen mussten, bis ich erfuhr, dass diese „Ausstattung“ notwendig war, um nicht auf den Weg zum Kartoffelkeller zu fliehen, das kann man ja nun nicht mit diesem Schuhwerk.

Mittags dann essen und dann wieder zur Arbeit. Leider weiß ich nicht mehr wie lange der Arbeitstag dauerte, ich schätze mal so 17.00 Uhr bis 18.00 Uhr. Dann Abendbrot essen und dann „Freizeitvergnügen“, wobei meine Freizeit grundsätzlich später war, weil ich nach den Mahlzeiten das Geschirr spülen mußte. Auch am Wochenende hatte ich die Mahlzeiten vorzubereiten und den gesamten Abwasch zu verichten ohn ejegliche Hilfe, so dass ich im Gegensatz zu den anderen Mädchen eine 7-Tage Woche hatte, auch wenn sich die Arbeiten am Wochenende etwas reduzierten. Lediglich noch ein Mädchen, dass die Waschsschüsseln und Nachttöpfe säubern mußte hatte wie ich die 7-tage-Woche. Einmal in der Woche machten wir Flickarbeiten, also Strümpfe stopfen, Namensschilder in den Klamotten nähen usw. Einmal TV Abend, den ich selten erlebte, wegen den ständigen Strafaktionen. Einmal in der Woche mussten wir früh zu Bett und dann wurde das Radio auf dem Flur angemacht. Einmal in der Woche Waschtag für besonders schmutzige Wäsche. Einmal in der Woche Badetag, keine Intimsphäre und natürlich auch in Eile. Kleidung aus, rein in die Wanne und schnell wieder raus, Wanne sauber machen, das war`s. Kein Vergnügen und besonders unangenehm war es, dass jeder Zeit die Diakonisse den Badevorhang zurückziehen konnte, um zu sehen ob wir uns auch ordentlich waschen. Leider fehlen mir  Erinnerungen was wir sonst so gemacht haben, vielleicht am Wochenende auch noch hin und wieder TV. Grundsätzlich verbrachten wir an den Wochenenden viel Zeit in unseren Zellen und dann wurden auch die Heizungsrohre angemacht. Da durfte man sich auch ein Buch aussuchen und lesen. Mein Arbeitstag gestaltete sich nach ein paar Wochen anders, ich hatte andere Aufgabengebiete und dadurch eine längere Arbeitszeit. Die meisten Mädchen sind nach einigen Wochen auf die anderen Häuser verteilt worden. Ich blieb in diesem Haus etwa ein gutes  halbes Jahr. Danach gab es eine neue Heimleitung und damit fing ein anderer Weg für mich an.  Ach so, es gab auch einen Monatslohn, man konnte glaube ich, so bis zu 18 DM bekommen. Davon musste man dann die Toilettenartikel kaufen. Aber man brauchte ja sonst nichts, es durfte ja nicht geraucht werden. Ich habe monatlich etwa 12 DM bekommen, wegen Strafabzug. Selbstverständlich wurde das Geld nicht ausgehändigt, sondern man konnte die Toilettenartikel bestellen und eine Diakonisse hat den Betrag dann in einem Buch abgerechnet.

Strafen: viele Möglichkeiten der Strafen gab es nicht wirklich, denn da wo es nichts gibt, kann ja auch bekanntlich nicht viel weggenommen werden. Strafen bestanden eben aus Geldabzug und eher abends auf seine Zelle gehen zu müssen. D.h., dann war es bei mir so ein Vorenthalten eines Fernsehabends und das war sehr schmerzlich , weil es ja in der Woche wenige Fernsehabende gab. Ich weiß nicht wirklich was ich angeblich angestellt habe, aber eine Sache schon. Wir mussten täglich eine Strophe aus dem kirchlichen Gesangbuch auswendig vortragen. Nicht alle Mädchen mussten nun die Liederstrophe vortragen, sondern es wurde wie bei den Losungen stichprobenartig ein Mädchen herausgesucht. Ich hatte gewiss keine Probleme so eine Strophe vorzutragen, aber die Mädchen untereinander machten beim Vortragen immer  lustige Grimassen so dass – wenn ich mal dran kam - lachen musste und somit im Vortragen durchgefallen bin. Ich hatte den Eindruck, dass ich schon öfters diese Kirchenlieder vortragen musste, denn besonders eine Diakonisse Schwester Rita hatte es auf mich „abgesehen“. Hatte sie Dienst, bekam ich fast immer eine Strafe und sie hatte bedauerlicherweise fast immer Dienst. Einmal hatte sie mir eine Ohrfeige gegeben und das klärte ich mit ihr unmittelbar, indem ich ihr drohte, zurückzuschlagen sollte sie es jemals versuchen, mich noch einmal zu schlagen. Sie tat es nie mehr, aber dafür hagelte es Strafen. Die anderen beiden Diakonissen, die auch für das Haus zuständig waren, haben das sehr wohl bemerkt, aber auch nichts dagegen unternommen. Sie hatten eher selten Dienst, aber von diesen beiden Schwestern habe ich nie eine Strafe bekommen. Da war es dann schon sehr wunderlich, dass ich trotz der vielen Strafen eines Tages eine besondere Aufgabe bekam. Ich wurde so etwas wie ein „Vertrauensmädchen“.

Mein neues Aufgabengebiet:

von nun an musste ich nicht mehr die Handtücher akribisch zusammenfalten, sondern ich machte Hausdienst. Ich musste morgens  – mittags – abends das Essen auf Teller verteilen, die Tische decken, putzen und spülen. Neben diesen Tätigkeiten hatte ich einen besonderen Dienst und dafür bekam ich den Haustürschlüssel, ich musste die Kapelle reinigen. 

                          

Das ist ja nun keine Arbeit, die in ein paar Minuten erledigt war und es wäre viel zu aufwendig gewesen, wenn mich zu dieser Aufgabe eine Diakonisse begleitet bzw. bewacht hätte . Also gab man mir einen Schlüssel und ich durfte ohne Bewachung die paar Meter zur Kapelle gehen und meinen Putzdienst verrichten. Das putzen der Kapelle war selbstverständlich keine angenehme Arbeit, aber ganz alleine in so einer großen Kapelle zu sein- unbeobachtet-, war ein fast „freies“ Gefühl. Was ich besonders gut fand war das Harmonium welches oben auf der Empore stand. Ich hatte mal von meiner Mutter ein Akkordeon geschenkt bekommen und auch ein Jahr Musikunterricht gehabt. Das war keine besondere Großzügigkeit seitens meiner Mutter, sondern der Nachbarsjunge hatte ein Akkordeon einschließlich Musikunterricht bekommen und meine Mutter wollte wohl auch zeigen, dass sie sich für ihre Kinder auch so etwas leisten kann. Meine Halbschwester war leider sehr unmusikalisch und so musste ich für den falschen Ehrgeiz meiner Mutter herhalten. Gerade anfänglich ist edas Erlernen eines Musikinstrumentes eine sehr mühsame Geschichte und nach einem Jahr hat meine Mutter das Akkordeon wieder verkauft und das war das Ende meiner musikalischen Laufbahn. Am Geld hat es nicht gelegen, der Musiklehrer wollte mich kostenlos weiter unterrichten, weil er meine Begabung sah, aber meine Mutter hatte keine Interesse mehr, weil der Nachbarsjunge die Akkordeon Spielerei wegen seiner mangelnden Begabung hingeschmissen hatte und so bestand  auch für mich keine weitere Notwendigkeit weiter Akkordeon zu lernen. Es ging ja um meiner Mutter und nicht um mich. Immerhin hat diese Erfahrung nachhaltig gewirkt, denn ich habe erst nach vierzig Jahren den Entschluss gefasst mir ein Akkordeon zu kaufen und wieder zu spielen. Inzwischen bereitet es mir große Freude.

Zurück zu dem Hamonium, auch wenn ich nur mit der rechten Hand Lieder spielen konnte machte es mir großen Spaß. Ich hatte etwas in dieser Kapelle gefunden, es hatte zwar nichts mit Gott zu tun, aber mit Musik und ich liebe Musik über alles. Diese Kapelle wird mir immer in guter Erinnerung bleiben, weil sie mir auch für wenige Stunden das Gefühl von Freiheit gab, denn Niemand ausser mir war dort, bewachte mich und es war meine persönliche Enzscheidung nicht zu fliehen und so fühlte ich mich weniger eingesperrt.         

Eines Tages auf den Weg zu meinem Kapellendienst winkte mir ein Mädchen aus einen der oberen Fenster eines anderen Hauses/Heimstatt zu. Ich ging ein wenig näher zu diesem Hause und dachte mich trifft der Schlag. Es war Annerose, meine beste Freundin aus Kindertagen. Wir sind gemeinsam eingeschult worden und haben bis auf etwa einem Jahr Unterbrechung (da war ich in einer anderen Schule) unsere Schulzeit gemeinsam verbracht. In unserer ersten Wohnung habe ich noch in der Nähe von Annerose gewohnt und gelegentlich habe ich sie auch besucht. Ihre Mutter war sehr früh gestorben und sie wohnte bei den Großeltern, gemeinsam mit ihrem Vater.  Sie war eine Frohnatur und wenn sie lachte dann hörte sie nicht so schnell auf und Jeder musste mit lachen.  Nach der Schulentlassung haben wir uns gelegentlich noch gesehen, weil mein erster Arbeitsplatz in der Nähe ihrer  Wohnung lag. Sie hatte damals schon bei ihrem Freund gelebt. Die letzten zwei Jahre vor dem Erziehungsheim hatten wir uns aus den Augen verloren. Nun war sie hier, genau so eingesperrt wie ich. Was hätte ich dafür gegeben mit ihr sprechen zu können. Etwas mehr als eigenartig, dass eine gute Freundin nur ein paar Meter weit weg war und es trotzdem nicht möglich war mit ihr zu reden. Ich habe sie dann nur noch einmal kurz bei der Weihnachtsfeier im Heim gesehen, aber da war auch kein Gespräch möglich. Ich habe sie nach etwa 25 Jahren auf ein ehemaliges Schultreffen wieder getroffen. Ich hätte schon sehr gerne über das damalige Erziehungsheim mit ihr gesprochen, aber Annerose wollte es nicht. Es war das letzte Mal, dass ich sie sah. Sie ist mit 50 Jahren an einen Herzinfarkt gestorben. Ich vermisse ihr Lachen.
Annerose:

Ich habe in dieser Zeit nicht einmal daran gedacht aus diesem Heim abzuhauen, aber ich genoss die Vorstellung, jeder Zeit abhauen zu können. Ich träumte weiter von der "großen Freiheit" und mir war nun klar, dass ich jetzt bis zu meiner Volljährigkeit warten muss. Auch wenn das noch knapp drei Jahre dauern sollte, hatte ich mich mit meinem Schicksal abgefunden, aber ich war im Gegensatz zu der Zeit bei meiner schrecklichen Mutter nicht so resigniert. Ich habe mich in der Zeit im Erziehungsheim oft ungerecht behandelt gefühlt, das machte mir arg zu schaffen und meine frühere Resignation schlug um in gelegentliche Wut.  Natürlich hörte ich auch oft von den anderen Mädchen, was sie schon alles erlebt haben und ich kam mir vor, wie ein Wesen vom anderen Stern, welches nur  die Schattenseite des Lebens kannte. Aber im Gegensatz zu der Höllenheimat fühlte ich mich nicht so sehr als „Aussätzige“, denn die anderen Mädchen hatten die gleichen Bedingungen wie ich. Ich sah nicht mehr wie früher, welche Freiheiten andere Mädchen in meinem Alter genossen, ich sah nur Mädchen denen es so erging wie mir und diese Ähnlichkeiten machten das Leben im Erziehungsheim einigermaßen erträglich auch wenn mir klar war, dass die anderen Mädchen sehr litten. Beispielsweise unter  diesem Eingesperrtsein, unter den ständigen Kontrollen, dem Sprechverbot (darunter habe ich allerdings auch extrem gelitten) und auch ihre Freunde und Angehörigen vermissten. Ich vermisste Niemanden, ich hatte nichts da "Draußen" nur eine leidvolle Vergangenheit hinter mir gelassen unter der ich ja einen Schlussstrich gezogen hatte. So war es für mich auch nicht problematisch, keine Briefe nach "Draußen" zu schreiben. Wozu? und ausserdem wurden diese Briefe von den Diakonissen gelesen, das war geradezu lächerlich. Ich war nicht bereit mich diesem System anzupassen und mich nun mit 18 Jahren in eine Zwangserziehung zu begeben. Wo immer ich konnte, verweigerte ich mich diesem System  und wenn ich von etwas überzeugt war, dann von der Tatsache, dass die Diakonisse Schwester Rita bemerkte, dass ich über diesem System stand oder anders ausgedrückt, dieses System nach aussen hin "locker" wegsteckte. Sie ahnte aber auch, dass ich mir bis zu einer gewissen Grenze vieles gefallen liess, aber die Grenze durfte sie nicht überschreiten. Ich war eine Zeitbombe, die jeder Zeit explodieren konnte und so verstand sie es doch geschickt, den Bogen nicht zu überspannen. Andere Mädchen "standen" auf diese Diakonisse, sie war jung und sah auch gut aus und sie wurde teilweise von anderen Mädchen "angehimmelt". Das brauchte sie offensichtlich, wohl dem der ohne jegliche Eitelkeit ist, nun ja, sie war es auf keinen Fall.

Sehr viel später im Jahre 1999 mußte ich zu einer Fortbildung nach Bethel. Ich habe das Mutterhaus der Diakonissen aufgesucht, was ja nicht mehr so groß war, denn sie waren inzwischen in einem kleineren Haus umgezogen und ich fragte nach Schwester Rita. Ich erfuhr, dass sie dort nicht wohnte, weil sie ausgetreten sei und ich bekam leider keine weiteren Auskünfte. Schade, ich hätte ihr so gerne mitgeteilt, was ich damals von ihr gehalten habe, aber das war nun nicht mehr möglich.

Paradigmawechsel

Nach einigen Monaten im Heim wechselte die Heimleitung. Die sehr alte Heimleiterin

ging und es kam eine dynamische resolute neue Heimleiterin - Schw. Hildegard.

(links Schw. Hildegard, rechts Schw. Martha)

Die erste Veränderung war dahingehend, dass nicht nur die Diakonissen nach dem Mittagessen ein Dessert bekamen, sondern wir auch. Dann durften wir einen Fragebogen ausfüllen, in dem es darum ging, was unsere Wünsche sind, beispielsweise welche Bücher wir gerne lesen wollen etc. und was uns im Heim nicht gefällt. Ich weiß nicht mehr so genau, was ich im Einzelnen alles aufgeführt habe, aber ich kann mich auf jeden Fall erinnern, dass ich die zeitlich limitierten Toilettengänge kritisiert habe und das in einer sehr deutlichen Art und Weise.

Nun diese Fragebögen existieren noch im Archiv , meiner war aber nicht dabei, was nicht weiter wundert durch meine sehr deutliche Kritik an den Zuständen dort. Aber wir merkten schon, dass sich etwas ändern wird, es lag einfach in der Luft.

Dann war es so weit, ich musste zur Schwester Hildegard. Sie sagte mir, dass ich die Möglichkeit bekomme, in dem ortsansässigen Krankenhaus zu arbeiten und wenn das gut geht, werden auch noch weitere Mädchen nachkommen. Was sie im Einzelnen noch so sagte weiß ich nicht mehr. Nun bekam ich eine neue Aufgabe mit einer besonderen Verantwortung. Ich war sozusagen ein neues Projekt, ein Experiment- wie es Schwester Hildegard formulierte, ein Versuch Mädchen nicht mehr ausschließlich im Erziehungsheim arbeiten zu lassen, sondern den Heimaufenthalt zu nutzen, Mädchen außerhalb des Heimes also im Krankenhaus arbeiten eine Arbeit zu vermitteln. Schwester Hildegard hielt offensichtlich nichts davon, Mädchen ausschließlich im Heim arbeiten zu lassen, was ja gleichbedeutend Gefängnis ähnlicher Zustände bedeutet. Ein revolutionärer Gedanke zu dieser Zeit und ich bewundere noch heute ihren Mut und auch das Vertrauen, welches sie mir entgegenbrachte. Zu der Zeit konnte ich noch nicht wissen, dass das nun meine schwerste Zeit im Erziehungsheim werden würde.

Im Mai war es dann so weit, ich musste in ein anderes Gebäude „Haus Morgensonne“ ziehen.

 

Mein erstes Haus trug den Name „Sonneneck“, so freundliche Namen, die doch im Widerspruch zu dem standen, was sich da drinnen abspielte. Obwohl Haus Sonneneck ein finsteres Haus war zog ich nicht gerne um, weil ich auch die Mädchen verlassen musste, mit denen ich mich inzwischen angefreundet hatte. Was war ich  überrascht,  als ich das neue Haus betrat und dann mein Zimmer sah. Es war tatsächlich ein Zimmer, mit einem Schrank und sogar einem  Waschbecken. Nach der ersten Freude kam dann aber der Dämpfer, als ich zu den anderen Mädchen kam. Es waren feindselige Blicke und ich wurde gemieden. Ich war das einzige Mädchen das nun „Draußen“ arbeiten sollte und damit war ich keine von Ihnen. Jetzt hatte ich zwar ein annähernd gutes Zimmer, aber ich wurde behandelt wie eine Aussätzige. Kein guter Start und es sollte noch schlimmer kommen.

Ich denke einmal, dass anfänglich die Schwester Irmgard von "Haus Morgensonne" mich zu meinem Arbeitsplatz brachte, weil ich die Ortschaft ja nicht kannte. Ein halbes Jahr lebte ich in diesem Heim, ohne wirklich zu wissen wo ich war oder irgendetwas in dieser Ortschaft kennen gelernt zu haben. In den anderen Häusern sind die Diakonissen mit den Mädchen gelegentlich nach "Draußen" gegangen, also eine Art Spaziergang. Da gab es dann auch gelegentlich Fluchtversuche, das sprach sich herum, aber Sonneneck war eine Art Aufnahmestation, da waren viele Umstände anders als in den anderen Häusern. 

Jakobistift in Werther                                              

Nach einiger Zeit ging ich dann aber alleine jeden Morgen ins Krankenhaus und das waren anfänglich durchaus schöne Momente, ein wenig das Gefühl von Freiheit. Im Krankenhaus selber habe ich geputzt, vormittags musste ich die gesamte Station putzen, dann hatte ich eine Mittagspause und nachmittags teilte ich das Abendbrot aus, sammelte später die Tabletts ein um dann das gesamte Geschirr nach unten in den Keller zur Spülmaschine zu fahren. Es gab aber eine nicht unwesentliche Sache. Auf der Nachbarsstation haben zwei Putzfrauen die Arbeit gemacht, die ich auf meiner Station alleine machen musste. Es war ein Knochenjob und ich habe sehr rasch einige Kilos abgenommen. Das hat mich aber nicht wirklich belastet, sondern die Tatsache, dass es nichts gab, worauf ich mich freuen konnte. Ich fand vorher meine Situation nicht gut, aber ich hatte mich an den Zuständen in dem geschlossenen Haus gewöhnt gehabt. Sah jetzt so etwa die Freiheit aus? Arbeiten bis zum Umfallen und dann im Erziehungsheim die Feindschaft der Mädchen aushalten zu müssen?? Was mir noch mehr zu schaffen machte, war die Stationsleitung Schwester Helga. Sie schikanierte mich wo sie konnte. Sie war früher Diakonisse gewesen, ist aber später aus den Orden ausgetreten. Die Patienten fürchteten sie nicht weniger als ich. Es lag nicht nur daran, dass ich ein Mädchen aus dem Erziehungsheim war, diese Frau war einfach ein boshafter Mensch. Schwester Irmgard und Schwester Helga hatten öfters Gespräche miteinander und ich wurde das Gefühl nicht los, dass es in diesen Gesprächen darum ging, mir das Leben zur Hölle zu machen, damit das neue Projekt der Heimleiterin scheiterte. Schwester Irmgard hat sich auch im Heim sehr offen gegen mich gestellt und gab den Mädchen schon auf ihre indirekte Art zu verstehen, mich eher zu meiden.

Mit der Zeit erwägte ich ernsthaft nicht mehr ins Krankenhaus zu gehen und auch aus dem  Erziehungsheim abzuhauen. War ich sonst eher ein sehr vernünftiger Mensch, der früher schon jegliche Fluchtversuche ablehnte, weil ich wusste, dass es da "Draußen" für mich keine vernünftige Möglichkeit des Überlebens gab, wurde ich nun zunehmend verzweifelter und damit auch unvernünftiger. Ich überlegte einen Fluchtplan, weil ich  aus moralischer Verpflichtung/Verantwortung nicht einfach die Möglichkeit nutzen wollte auf dem Weg zur Arbeit abzuhauen. Das hätte den Weg für andere Mädchen verhindert "Draußen" zu arbeiten und das wollte ich nicht. So musste ich mir eine andere Alternative suchen. Ich konnte nur nachts abhauen, also aus dem Fenster steigen. Das war eine schwierige Angelegenheit, denn die Fenster gingen ja nicht ganz aufzumachen, sie waren nach vorne gekantelt. Es sah nicht so aus, als ob ich da irgendwie durchkomme. Irrtum, ich hatte inzwischen so viel abgenommen, das ich es tatsächlich schaffte, durch die kleine Öffnung oberhalb heraus zu klettern. Schwieriger war es schon durch das Fenster zu dem nächst liegenden Balkon und dann weiter zu dem darunter liegenden Balkon zu klettern und dann weiter runter springen. Aber ich war sehr optimistisch das zu schaffen, ich hatte schon mal als kleines Kind so einen waghalsigen Sprung gemacht, also warum sollte es mir nicht ein zweites Mal gelingen.   

Das hat mich erst einmal beruhigt und ich hielt es noch einige Wochen aus. Aber dann kam doch alles anders. Eines Tages sollten wir im Haus Quellengrund eine Filmvorführung sehen. Ich freute mich darauf und wir versammelten uns in diesem Haus, wo der Film gezeigt werden sollte und ich wollte mich gerade hinsetzen. Schwester Irmgard befahl mir, mich neben sie zu setzen und wenn man die Gesamtsituation betrachtet, in der ich mich befand, war es Ausdruck einer Demütigung. Jedes Mädchen konnte sich hinsetzen wo sie wollte, nur mir befahl sie auch noch gerade neben ihr Platz zu nehmen. Ich habe mich geweigert und so brachte sie mich zu meinem Zimmer zurück und schloss mich ein. Das  hätte sie lieber nicht machen sollen, denn gegen verschlossene Türen reagierte ich grundsätzlich mit Panik. Es brach aus mir heraus, die Wut, die Enttäuschung und ein tiefer Hass gegen diese Diakonisse. Ich tobte, ich schrie schlug an die Türe und den Spiegel und verletzte mich dabei und war so neben mir gestanden, dass ich gar nicht einmal merkte dass ich mich an den Spiegel verletzt habe. Wie lange das so ging weiß ich nicht mehr, aber als ich erschöpft war, legte ich mich in`s Bett. Später kam Schwester Irmgard vorbei und da muss sie wohl einen Schreck bekommen haben. Ich war blutverschmiert und das Bett auch. Sie verband mir meine Wunden und ich sagte ihr, dass jetzt Schluss sei. Ich gehe nicht mehr in`s Krankenhaus, egal was kommen mag. Ich sagte ihr, dass ich es nicht länger aushalte, als einziges Mädchen dort im Krankenhaus zu arbeiten und dass ich es nicht länger aushalte von ihr und den anderen Mädchen schikaniert zu werden. Es wurde eine lange Aussprache und am Ende versprach sie mir dafür zu sorgen, dass bald noch andere Mädchen ins Krankenhaus kommen werden. Es dauerte dann auch nicht lange und ein zweites Mädchen (sie hieß Marion) kam nun auch ins Krankenhaus. Während sich die Lage im Heim zunehmend entspannte, war die Situation im Krankenhaus mit der garstigen Stationsleitung unverändert. Aber das hielt ich nun besser aus und in wenigen Wochen kamen weitere Mädchen zur Arbeit im Krankenhaus dazu.

Ich weiß nun nicht wieso Schwester Irmgard dann doch sehr schnell die Situation änderte, ob es aus Angst vor der Heimleitung war oder ihr klar wurde, was sie angerichtet hatte mit ihrem absolut unfairen Verhalten mir gegenüber. Ich gehe schon davon aus, dass sie ihr Verhalten reflektiert hatte, denn sie wurde von diesem Tag an freundlicher zu mir und hat schon aus eigener Initiative mehr für mich gemacht, als sie gemusst hätte.

Haus Tannengrund

Wir waren dann in wenigen Wochen so etwa 10 Mädchen und zogen um in ein anderes Haus mit Namen „Tannengrund“. Innerhalb des Hauses lockerten sich die Strukturen auf und wir bekamen sogar ein Raucherzimmer. Was für ein Unterschied zu den früheren Verhältnissen. Die Stimmung unter uns Mädchen war super. Wir hatten zwar keinen  Ausgang und bekamen auch kein Gehalt, aber ich meine doch, dass ich dem - was ich eigentlich ursprünglich einmal
wollte- vor der Einweisung im Erziehungsheim, (ein Mädchenwohnheim) einen deutlichen Schritt näher gekommen zu sein. Nach etwa einem halben Jahr wurde uns vorgeschlagen im Krankenhaus die Ausbildung zur Pflegehelferin zu machen. Dafür war es aber notwendig in das Krankenhaus zu ziehen und so machten einige Mädchen – so auch ich - diese Ausbildung und zogen ins  Krankenhaus. Weggehen durften wir da immer noch nicht, aber seltsamerweise hatte  mir das nicht viel ausgemacht. Da meine Arbeit sehr anstrengend war, habe ich es abends genossen doch zumindest Fernsehen zu können. Das zweite Mädchen, die nach mir ins Krankenhaus kam, Marion war sehr oft abends aus gegangen. Eines Tages war sie weg. Sie kam in ein anderes Erziehungsheim, später erfuhr ich dass es Ummeln war. Das sollte uns eine Warnung sein und so hielten wir uns an die Bestimmungen. Die anderen Mädchen, jene die nicht aus dem Heim kamen und mit in diesem Ausbildungskurs waren, hatten die gleichen Arbeitsbedingungen, aber unsere Freizeit unterschied sich schon. Nach bestandenem Examen gab es seitens des Heimes aber keine Vorschriften mehr für mich. Es wurde zwar nie darüber gesprochen was ich darf oder nicht, aber ich wurde auch nicht kontrolliert. Also ich habe mich da schon nicht mehr eingeschränkt gefühlt und konnte auch mein Geld behalten und ein Jahr später wurde ich volljährig. 

Ich blieb noch ein weiteres Jahr in diesem Krankenhaus, aber konnte mich doch nicht so loslösen von meiner Vergangenheit. Ich hatte noch weiter Kontakt zu dem Erziehungsheim und die Heimleiterin schlug mir eines Tages vor in eine andere Stadt zu ziehen. Sie hatte eine Freundin, die im Süden in einem Krankenhaus die Stelle eine Pflegedienstleitung hat und sie vermittelte mich dort hin. Hier endet meine Heimgeschichte endgültig. Ich verließ Werther für einen neuen Anfang in einer neuen Stadt.

 

Resümee

Ich habe versucht so weit wie es mir möglich war, die Waldheimat zu beschreiben. Denke ich an die damaligen Diakonissen die zum größten Teil dort arbeiteten kann ich nicht allgemein behaupten, sie haben im Sinne der schwarzen Pädagogik gehandelt. Hier muss ich differenzieren, denn sie waren schon in ihrem Verhalten sehr unterschiedlich. Jene Diakonisse, die hauptsächlich die Aufsicht in Haus Sonneneck war fand ich nicht gut. Bei ihr hagelte es Strafen, die sich aber lediglich auf mich bezogen und ich konnte sie nicht ausstehen. Alles was damals an Erziehungspraktiken galt, kann nicht umfassend der Zeit geschuldet sein, denn diese Diakonisse war noch sehr jung und sicherlich eine der jüngsten Diakonissen überhaupt in der Waldheimat. Ich gehe einmal davon aus, dass es ihr nicht passte, dass ich sie nicht wirklich ernst nahm und ich ihr nicht jenen Respekt entgegen brachte, den sie so gerne für sich erwartete. Nun waren die Strafen auch sehr begrenzt, denn da wo es nichts wirklich gibt kann man sich auch nicht mit Strafen Respekt verschaffen. Es gab aber auch noch zwei andere Diakonissen, die gelegentlich die Aufsicht hatten und mit ihnen kam ich prima aus. Sicherlich muss man sich die Frage stellen, wieso es den Diakonissen nicht möglich war , die Sinnlosigkeit dieser Art von Pädagogik zu hinterfragen und das kann man  sicherlich  mit ihrer Form des Ordensleben im Kontext stellen.

Auf jeden Fall gibt es in meiner langjährigen Heimerziehung auch Ordensschwestern, die mir geholfen haben und ich werde immer mit dem größten Respekt und auch mit Dankbarkeit an diese Schwestern denken. Die Entscheidung mich in einem Erziehungsheim zu stecken, haben sie nicht getroffen sondern das Jugendamt. Hier sind die Weichen falsch gestellt worden und wenn man an die Heimerziehung denkt, trägt das Jugendamt und auch die Gerichte eine erhebliche Verantwortung, aber auch Bund und Länder die nicht daran dachten, einen Heimplatz auch angemessen zu finanzieren. Da kann man sich auch einmal die Frage stellen, wie die Heimerziehung anders hätte verlaufen können, wenn Bund und Länder ihr Wächteramt ernst genommen hätten. Sie haben wegschaut, weil sie eine kostengünstige Variante wollten, für jene ehemaligen Heimkinder die sowieso im Ansehen nicht hoch gestellt waren und von denen man auch wusste, dass es die Gesellschaft nicht interessiert, was aus ihnen wird.

Für mich waren die Weichen erst einmal nicht sinnvoll gestellt, aber durch die eingeleiteten Reformen in der Waldheimat konnte ich einen für mich sinnvollen Weg gehen. Sicherlich hat mir da auch geholfen, dass ich immer auf meinem Wege Menschen hatte die mir beigestanden haben und so auch nicht für mich dachte, wertlos zu sein. Auch wenn es dann doch noch ein längerer Weg wurde so kann ich am Ende schon von für mich sehen, dass ich nicht an der Heimerziehung zerbrochen bin, sondern eher nach meinen Stärken geschaut habe. Nicht zuletzt hat mir da auch eine langjährige Therapie geholfen und auch mich weiter zu bilden, so dass ich auch einen Universitätsabschluss habe.

Unversöhnlich hingegen bleibe ich bei meiner Mutter, oder anders herum sie bedeutet mir nichts.

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Ich habe meine 3 Heime besucht und die Waldheimat jetzt im Jahre 2016, weil meine Akte gefunden wurde. Die Akte enthielt nicht wirklich irgend etwas das mich überraschte, lediglich dass vom Heim selber meine frühzeitige Entlassung aus der FEH beantragt wurde. So war ich 1 Jahr vor der Volljährigkeit quasi "frei", was aber auch nur obligarorisch war, denn ich habe zu der Zeit mich nicht mehr in irgendeiner Art und Weise bevormundet gefühlt. Aber es ist auch lange her, so liegen zwischen meiner Zeit in der Waldheimat und der Gegenwart 45 Jahre und wenn ich zurückblicke, dann nicht im Zorn.

Bilder von meinem Besuch:

Haus Sonneneck, das erste Haus nach meiner Ankunft in der Waldheimat:

 

Vor der Kapelle:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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7. Der Petitionsauschuss

Veröffentlicht auf von Oerni

Schon 2003 berichteten ehemalige Heimkinder über ihre Erlebnisse/Erfahrungen in Heimen und dennoch sollten noch einige Jahre vergehen, bis ein Petitionsausschuss beschloss diese Zeit der schwarzen Pädagogik mit einem Runden Tisch aufzuarbeiten. Letzteres also eine Aufarbeitung konnte sicherlich in der Zeit nicht umfassend geschehen, noch heute im Jahre 2016 ist man dabei diese schreckliche Vergangenheit aufzuarbeiten. Vereinzelt zumindest gibt es Menschen, die in noch bestehenden Heimen gelegentlich zum Anlass von Jubiläen die Vergangenheit zu recherchieren und somit auch die Heimerziehung der Vergangenheit in den Focus rückt. Es ist schon bemerkenswert wie lange es dauerte, bis sich Ehemalige trauten an die Öffentlichkeit zugehen um über ihr Schicksal zu berichten und noch bemerkenswerter, dass es noch einmal 10 Jahre brauchte bis es dazu kam, dass sich dieses Land seiner Vergangenheit stellte.

https://www.youtube.com/watch?v=lVunCvI0rVE

 

https://www.youtube.com/watch?v=lW4PxrmiI9E

 

Entstehung des Runden Tisches

 

Schon 2003 berichteten ehemalige Heimkinder über ihre Erlebnisse/Erfahrungen in Heimen und dennoch sollten noch einige Jahre vergehen, bis ein Petitionsausschuss beschloss diese Zeit der schwarzen Pädagogik mit einem Runden Tisch aufzuarbeiten. Letzteres also eine Aufarbeitung konnte sicherlich in der Zeit nicht umfassend geschehen, noch heute im Jahre 2016 ist man dabei diese schreckliche Vergangenheit aufzuarbeiten. Vereinzelt zumindest gibt es Menschen, die in noch bestehenden Heimen gelegentlich zum Anlass von Jubiläen die Vergangenheit zu recherchieren und somit auch die Heimerziehung der Vergangenheit in den Focus rückt. Es ist schon bemerkenswert wie lange es dauerte, bis sich Ehemalige trauten an die Öffentlichkeit zugehen um über ihr Schicksal zu berichten und noch bemerkenswerter, dass es noch einmal 10 Jahre brauchte bis es dazu kam, dass sich dieses Land seiner Vergangenheit stellte.Schon 2003 berichteten ehemalige Heimkinder über ihre Erlebnisse/Erfahrungen in Heimen und dennoch sollten noch einige Jahre vergehen, bis ein Petitionsausschuss beschloss diese Zeit der schwarzen Pädagogik mit einem Runden Tisch aufzuarbeiten. Letzteres also eine Aufarbeitung konnte sicherlich in der Zeit nicht umfassend geschehen, noch heute im Jahre 2016 ist man dabei diese schreckliche Vergangenheit aufzuarbeiten. Vereinzelt zumindest gibt es Menschen, die in noch bestehenden Heimen gelegentlich zum Anlass von Jubiläen die Vergangenheit zu recherchieren und somit auch die Heimerziehung der Vergangenheit in den Focus rückt. Es ist schon bemerkenswert wie lange es dauerte, bis sich Ehemalige trauten an die Öffentlichkeit zugehen um über ihr Schicksal zu berichten und noch bemerkenswerter, dass es noch einmal 10 Jahre brauchte bis es dazu kam, dass sich dieses Land seiner Vergangenheit stellte.

https://www.youtube.com/watch?v=lVunCvI0rVE

 

Ehemalige Heimkinder wollen Anerkennung für erlittenes Unrecht

Der Petitionsausschuss: 26. November 2008

71. Sitzung des Petitionsausschusses

Entscheidungsvorlage zur Bildung des Runden Tisches führte:                          

http://webtv.bundestag.de/iptv/player/macros/_v_f_514_de/bttv/od_player.html?singleton=true&content=232016#                                                                                                                                     Runder Tisch

Im November 2008 wurde auf Empfehlung des Petitionsausschusses der Runde Tisch unter  Vorsitz von Dr. Antje Vollmer ins Leben gerufen.

Die Aufgabe des Runden Tisches soll  sein, dass damalige Unrecht sowie die Menschenrechtsverletzungen begangen an ehemaligen Heimkindern zu  untersuchen. Bis in den 70iger Jahren war die Heimerziehung geprägt von der sogenannten "schwarzen Pädagogik", aber darüber hinaus war Heimerziehung weitaus mehr. Viele "Fürsorgezöglinge" mussten Zwangsarbeit leisten, wie z.B. Torfstechen, unter Bedingungen, die durchaus an vergangene Zeiten der Nazidiktatur erinnern.

Für diese schwere körperliche Arbeit gab es keine angemessenen       Löhne  und die Arbeit wurde auch nicht freiwillig verrichtet. „Überzeugende“ Argumente waren damals Strafen sowie körperliche Gewalt. Die überwiegend kirchlichen Träger der damaligen Kinder –und Erziehungsheime konnten weitgehend autonom über die Erziehungspraxis entscheiden. Das damals gültige Jugendwohlfahrts- 
gesetz beschütze die Heime auch vor der Einmischung des Staates in die erzieherischen Aufgaben. Nur so kann auch erklärt werden,  dass neben der Zwangsarbeit schwere körperliche Misshandlung, sexueller Missbrauch möglich waren.  Etwa eine halbe Million Kinder wurden in den 50er bis 70er Jahren in Heimen misshandelt. Dieses dunkle Kapitel der deutschen Vergangenheit und insbesondere der Anteil der

Weder die Bundesregierung noch die Kirchenträger haben das erlittene Unrecht an ehemaligen Heimkindern anerkannt oder sind bereit entsprechende finanzielle Entschädigungen zu zahlen. Die betroffenen ehemaligen Heimkinder haben ihre Leidensgeschichte viele Jahrzehnte verdrängt oder aus Scham geschwiegen.  Sie leiden heute nicht nur an den seelischen und körperlichen Folgen ihrer Heimerfahrung, sondern auch an den Lücken ihrer Versicherungsbiographie, denn die Zwangsarbeiten in den damaligen  Erziehungsheimen werden von den Rententrägern nicht berücksichtigt, weil damals keine Rentenbeiträge von den Heimträgern einbezahlt wurden.     
Aber es geht den ehemaligen Heimkindern nicht ausschließlich
um Entschädigung, sie fordern insbesondere von den Kirchen für die  damaligen  katastrophalen, erbärmlichen Zustände in den Heimen  eine aufrichtige Entschuldigung, weil bis zur heutigen Zeit die Missstände in den Heimen als Einzelfälle herunter gespielt werden.
So liegt es nun in der Verantwortung des Runden Tisches, der so laut Dr. Antje Vollmer die "kleine Wahrheit" heraus finden soll, um entsprechende Konsequenzen daraus zu ziehen. Wie diese aber aussehen sollen wird "ergebnisoffen" sein. Laut Dr. Antje Vollmer geht es darum alles zu prüfen, nichts zu garantieren, aber auch nichts auszuschließen. Was immer das auch heißen mag wird die Zukunft zeigen. 2010 soll der Bericht vorliegen.

Einführung

Gedanken zur Einführung
„Eine verborgenes Thema menschlichen Leidens der nahen Vergangenheit erreichte im September 2008 die Öffentlichkeit: Mutig gewordene ältere Menschen berichteten über ihre Erfahrungen als Jugendliche in Heimen, „Erziehungsheimen“, in denen sie schlecht behandelt worden sind. Betroffen sind vor allem kirchliche Heime im Gebiet der Landeskirche Hannover. Auch die Landeskirche Braunschweig fühlte sich aufgerufen, nachzusehen, ob in ihrem Bereich gewalttätige Heimerziehung stattgefunden hat.
Rohheiten und unpädagogische Exesse waren nicht nur auf Heime kirchlicher Trägerschaft beschränkt und letztlich auch nicht nur auf eine Region.“

Inhaltsübersicht:

 Einführung 

 Zeitungsberichte  

DasGroßeWaisenhaus                                                                                                                                            

Nazizeit                                                                                                                         

Entnazifizierung

 

Neuerkerode

http://www.spurensuche-meinung-bilden.de/index.php?id=4&topic=10&key=2

 

Pressemitteilungen:                                                                                                             http://www.bundestag.de/aktuell/archiv/2…nen2/index.html

zdf heute

Am 17.02.2009 wurde im ZDF mit Claus Kleber über den Runden Tisch Heimerziehung im Bundestag über die Misshandlungen in den damaligen Kinderheimen berichtet.

http://www.youtube.com/watch?v=71HcWOwVOCY

http://pressemitteilung.ws/node/141562

21. März 2006 um 17.05 Uhr im SWR2 Forum über das Thema:
Demütigung und Angst - Heimerziehung in der Nachkriegszeit

diskutiert mit:

Psychologin:
Prof. Dr. Sabine Pankofer,  Katholische Stiftungsfachhochschule München;
Michael-Peter Schiltsky: ehemaliges Heimkind
Peter Wensierski: Journalist und Publizist;
Moderation: Eggert Blum

http://mp3.swr.de/swr2/forum/swr2_forum_210306.6444m

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8. Andere Geschichten ehemaliger Heimkinder

Veröffentlicht auf von Oerni


1. Erfahrungen und Berichte ehemailger Heimkinder
Die Geschichte meiner Hüttenschwester:
Renate habe ich kennen gelernt, als ich erfuhr, dass ich noch als Kind in einem zweiten Heim war, der Gotteshütte. Sie war etwa zum gleichen Zeitpunkt dort im Heim, allerdings ist Renate etwas älter als ich und war deswegen in einem anderen Gebäude untergebracht. Die kleinen Mädchen und die größeren Mädchen waren in unterschiedlichen Gebäude, sowie die Jungens, die bis etwa zum zehnten Lebensjahr in der Gotteshütte aufgenommen wurden.
Hier die Geschichte von Renate:

http://aus-dem-leben-eines-heimkindes.over-blog.de/article-30718460.html

Renate meine Hüttenschwester verstarb am 12. Juni 2010. 

Wer weiß
Wir kommen, wer weiß, woher.
Wir gehen, wer weiß, wohin.
Wir sind wie die Welle im Meer
allein und doch darin.
Wir sind wie das Licht ein Teilchen
und ebenso ein Strahl.
Wir sind auf der Erde ein Weilchen
und vielleicht ein ums andere Mal.
Wer weiß, woher wir gekommen,
wer weiß, wohin wir gehen?
Es bleibt für uns verschwommen,
bis wir selbst am Ende stehen.


Auch wenn alles vergänglich ist auf dieser Erde, die Erinnerungen an Dich meine liebe Renate ist unsterblich und gibt uns Trost.

In Liebe Deine Hüttenschwester Erika

http://www.gif-paradies.de/gifs/gemischtes/linien/linie_0017.gif
http://www.gewalt-im-jhh.de/ 

http://s7.directupload.net/images/110506/wxuhdonc.png

Heimbewohner über Jahre gequält und misshandelt. Dem aufmerksamen Zuhörern stockte der Atem, als die beiden Historiker, Prof. Hans-Walter Schmuhl und Dr. Ulrike Winkler, die Umstände und Gewaltakte erläuterten, unter denen die Heimkinder des Johanna-Helenen-Heims in Volmarstein leiden mussten.
...
In der Begrüßungsansprache betonte Pfarrer Jürgen Dittrich, auch

Vorstandssprecher der Evangelischen Stiftung Volmarstein , die

Notwendigkeit der Aufarbeitung dieser Geschehnisse und sprach darüber

hinaus, allen Betroffenen sein tiefstes Beileid aus.
...
Den Berichten der Zeitzeugen nach, standen Schläge, sexuelle Nötigung und

Aufforderung zur Gewalt auf der Tagesordnung. Die Isolierung, die emotionale

Kälte seitens der Diakonissen,  sowie die Unterbindung der Kontakte unter den

Heimkindern, sorgten für wahre Angstzustände.
 

Eine „allumfassende Angst” war das Grundgefühl der Kinder, sagt

Professor Schmuhl. Gewalt bis hin zu rohen Misshandlungen gehörte zum Alltag”.

 Es gab Schläge mit der Hand, mit der   Faust, mit dem Stock und

Zwangsfütterungen,  wenn es sein musste, auch mit dem eigenen Erbrochenen.

Bisher ist es ruhig geblieben im Kirchenschiff, in dem gut 100 Zuhörer Platz genommen haben. Jetzt aber, und nur dieses eine Mal deutlich vernehmbar, gibt es einen Ausruf des Entsetzens, des Mitleidens: Das Erbrochene sei regelrecht in den Mund eines Mädchens zurückgeschaufelt worden, hat ein Mitarbeiter  damals schriftlich festgehalten -heute  ein wichtiges Zeugnis, dass die Geschichten aus dem Johanna-Helenen-Heim nicht erfunden sind.

Ulrike Winkler fasst zusammen: "In dem Heim herrschten Willkür, Zerstörung,

Angst und Einsamkeit. "Man blickte in das Herz der Finsternis."

Die Züchtigung sei auch nach damaliger Rechtslage als Körperverletzung

strafbar gewesen, sagte Schmuhl und warf der damaligen Leitung des Sozialwerks vor, die Kinder nicht geschützt zu haben.  Die Bewohner des Heims, ... forderten, dass beim Mitte Februar eingerichteten bundesweiten "Runden Tisch zur Aufarbeitung des Schicksals von Heimkindern" Misshandlungen körperbehinderter Kinder eigens behandelt werden.

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weitere Blogs:

http://heimkind-angelika.over-blog.de/

http://der-moorkater.over-blog.de/

http://erziehungsheim-johannesburg-borgermoor-heimkind-josef.over-blog.de/

http://helmutjacob.over-blog.de/

http://heimkind-ari.over-blog.de/#

Heimkind Irmgard:

http://i.katzorke.over-blog.de/

http://amd.co.at/anti/moitzfeld/

http://birkenhof-hannover-wir.npage.de/index.html

http://www.exheim.de/aboutme.htm

http://www.heimkind-heinzschreyer.de/index2.html


http://www.emak.org/geschichten/geschichten.htm

 

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9. Erziehungsheim: Historisch

Veröffentlicht auf von Oerni


http://www.ummeln.de/ueberuns/hist.htm


Waldheimat Werther. 50 Jahresfest, 1. Auflage 1955                                                                                                                                                                    9/B  Aus der Festschrift: Auszug

Unser Dienst in der Waldheimat

Trotz aller Stürme und Wirren, die über unser deutsches Land dahingegangen sind, und die auch unsere „Waldheimat“ jeweils geschüttelt haben, ist in allem Wechsel das Ziel alles Wirkens in unserem Hause das gleiche geblieben: jungen Mädchen, die durch eigene oder fremde Schuld in Gefahr kamen, zu helfen, wieder in das rechte Verhältnis zu Gott und Menschen, zur Arbeit und Freude zu kommen. Die alte Lebensregel: „Bete und arbeite“ besteht zu Recht. Die beste Hilfe, wieder in eine feste Lebensordnung zu kommen, ist die Arbeit. Darum bemühen wir uns, die Mädchen mit allerlei praktischer fraulicher Arbeit zu beschäftigen. Das geschieht einmal, damit ihre Zeit nutzbringend ausgefüllt ist, denn: Müßiggang ist aller Laster Anfang“, dann aber vor allem auch darum, daß die Mädchen arbeitend lernen. Die Arbeit ist möglichst vielseitig aufgegliedert. Neben der Instandhaltung und Säuberung des Hauses, dem Kochen und Backen, dem Stopfen und Flicken, dem Waschen und Bügeln, dem Füttern und Melken, dem Säen und Ernten wird Gelegenheit gegeben, sich mancherlei Kenntnisse anzueignen, die den Mädchen erst in späteren Jahren im Berufsleben oder als Hausfrau zugute kommen. In welcher Gruppe die Mädchen auch sind, immer kommt es darauf an, daß sie es lernen, in geordnetem Tageslauf und fröhlichem Zusammenleben zu stehen. Einzelgespräche, Teilnahme am Konfirmandenunterricht, Bibelstunde und Gottesdienste unserer Gemeinde, unsere Feste und Freuden, Gesang und Flötenspiel, alles soll dem einen dienen, frei zu werden, Kraft zu schöpfen aus Gottes Barmherzigkeit. Das war schon beim Beginn unserer Arbeit hier vor 50 Jahren so. Es kann heute nicht anders sein. Wenn im Lauf der fünf Jahrzehnte sich doch manches gewandelt hat, so ist das nur ein Zeichen, daß das Heimleben nicht hermetisch abgeschlossen ist von dem Leben der Öffentlichkeit. Das ist Hilfe und Not zugleich. Mit Radio, Film und manchem andern, das der Zeit entsprechend auch Eingang in unser Heim gefunden hat, hat sich neben der Bereicherung durch diese Einflüsse und Eindrücke aber auch die große Unruhe und mangelnde Konzentrationsfähigkeit unserm Heimleben mitgeteilt. Wohl liegt unser Heim am Rande des Städtchens in Waldesstille und –frieden, aber wir hören und sehen den Lärm des öffentlichen Lebens. Und ständig ist irgend etwas da, was ablenkt. Dazu kommt die verkürzte Heimzeit. Wenn ursprünglich im Rahmen der staatlichen Fürsorgeerziehung oft zwei bis drei Jahre zur Verfügung standen, so haben wir dadurch, daß wir jetzt ein Heim für freiwillige Erziehungshilfe sind, die Mädchen heute in der Regel nicht länger als ein Jahr. Für ein Jahr haben die Eltern freiwillig ihr Einverständnis erklärt. Nach dem mühsamen ersten Vierteljahr des Einlebens wird die Frage: „Wann komme ich heraus?“ lauter erhoben als die uns wichtiger dünkende: „Was kann ich hier lernen?“ Das weitgehend zerstörte Familienleben in unserm Volk, Ehescheidungen und Krieg haben viele junge Menschen heimatlos und verwaist werden lassen. Ohne den schützenden Halt der Familie und Heimat, ohne Gebundenheit in Gottesfurcht, ist die Zahl der verwahrlosten und gefährdeten Jugendlichen von Jahr zu Jahr größer geworden. Dadurch drängen Ämter und Behörden mehr und mehr, daß die Heimzeit durch Indienstgabe oder Entlassung ins Elternhaus verkürzt werden möge, um Platz zu schaffen für neue Enweisungen. Der starke Wechsel bringt eine große Unruhe. Das ist nicht gut.                                                                                                                                     

Um diese Unruhe ein wenig einzudämmen, führen wir unsere Mädchen nicht in der Art einer Haushaltungsschule in vier- bis achtwöchigem Wechsel über die verschiedenen Abteilungen unseres Hauses, sondern wir lassen die Mädchen möglichst lange in der gleichen Gruppe. So lernen sie zwar nicht alles, aber was sie lernen, lernen sie gründlicher. Wenn im öffentlichen Leben jede ordentliche Lehre drei Jahre umfaßt, so können wir nicht in einem Jahr alles lehren, handelt es sich doch zumeist um junge Mädchen, die durchaus nicht immer willig sind, zu lernen. Es erscheint uns auch wichtig, daß die Mädchen möglichst lange in der Führung der gleichen Erzieherin bleiben. Die charakterliche Förderung kann nicht erfolgen, wenn in kurzfristigem Wechsel ein neues Sichkennenlernen nötig ist.

Diese Handhabung aber stellt hohe Forderungen an die Erzieherin. Es ist notwendig, daß sie selbst vielseitig tüchtig ist, damit sie die Mädchen auch möglichst vielseitig anleiten und fördern kann. Aber in erster Linie sollte sie mütterlich sein, ein offenes Ohr und aufmerksames Auge haben, die innere Not der Mädchen zu erfühlen und sie aus ihrer Belastung und Verirrung herauszuführen. Sie muß beweglich und aufgeschlossen sein und bleiben, die Bedürfnisse eines jungen Menschenherzens zu verstehen und zu lenken.

Wo kann sie das lernen? So wichtig ihre Ausbildung als Heimerzieherin ist, wichtiger ist, daß sie selbst in der Zucht des Heiligen Geistes steht und aus Gottes Barmherzigkeit lebend, vergeben kann.

Kommentar Oerni:

An dieser Auffassung von 1955 hatte sich bis zu meiner Zeit 1969 nichts geändert. Die Tätigkeiten wurden lediglich  dahingehend erweitert, dass Fabrikarbeiten dazu kamen. Möglicherweise bestanden diese aber schon damals, denn wo hätten die Mädchen die Näherei erlernen können? Landwirtschaft bestand auch weiter, in einer Zeit, in der garantiert kein Mädchen mehr irgendwo in der Landwirt- schaft eine Ausbildung gemacht hätte. Wenn also die Tätigkeiten dem Zwecke dienten, eine sogenannte Lehre zu machen, hätten sie ja diese Arbeiten auch den Zeiten anpassen müssen.

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Grundgesetz versus moralische Vorstellung der Kirche

Wie oder Was muss passieren um die Menschenrechtsverletzungen an Kindern und Jugendlichen in ihrer Tragweite zu verstehen oder verstehbar zu machen? Zunächst möchte ich einmal festhalten, dass das Grundgesetz als tragendes Element unserer Gesellschaft von den Kirchen offensichtlich gar nicht akzeptiert wurde. Da stellt sich bei  mir tatsächlich die Frage ob das Grundgesetz mit der kirchlichen Moralvorstellung kompatibel ist?

Hierzu möchte ich einen kleinen Abschnitt aus einer Festschrift zum 50jährigen Bestehen des damaligen Erziehungsheimes  Werther (da war ich) zitieren. Darin werden Gleichnisse zu dem Hausspruch der „Waldheimat“ aufgeführt.

Zunächst erst einmal der Hausspruch:

„Wie teuer ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!“ (Psalm 36,8)

Nun zu der Auslegung des Gleichnisses :

„Unter den „Flügeln Gottes“ ist die Zuflucht. Wir Christen dürfen die Gedanken noch weitergehen lassen, wenn wir auch Bild und Ausdruck des alten Psalmwortes damit überschreiten. Die „Schatten der Flügel“ verwandeln sich für uns in die Schatten der Kreuzesbalken, an denen auf Golgatha unser Herr gehangen hat. Vom Kreuz herunter wurde dem Schächer gesagt, daß der trotz seines verfehlten Lebens angenommen sei; das Kreuz macht für alle „Menschenkinder“ das Wort zur Wahrheit, das einst zum Spott über Jesus gesagt wurde: „Dieser nimmt die Sünder an und ißt mit ihnen.“………

 

Oerni:

Nun, das zeigt doch eindeutig die Sichtweise dieser  Menschen : ein selbstverfehltes Leben -  die Sünder- und mit dieser Sichtweise im Kontext der kirchlichen Moralvorstellung hat man sich eindeutig über das Grundgesetz gestellt.

Ich habe in keinster Weise irgend  etwas „angestellt“ und wurde im Geiste der Kirche als Sünderin in „die Arme“ des Erziehungsheimes wohlwollend aufgenommen und dann auch entsprechend christlich erzogen. Ich aber nenne es „geistige Indoktrination“, von mir nicht gewollt und damit gegen das Grundgesetz verstoßend, das ja auch für mich galt oder?

Die Sichtweise der Kirche zeigte sich auch in den Vorstellungen wie man nun die „armen Sünderinnen“ auf den richtigen Weg bringt.

 

Ich zitiere aus der Festschrift:

„Die klare Ordnungen, mit denen wir Menschen unser Zusammenleben, unsern Tageslauf und unsere Arbeit regeln, sollen einen Hinweis sein auf die heiligen Ordnungen Gottes. Auch in dieser Hinsicht bleibt unser Tun Stückwerk, fehlsam und mißverständlich. Aber es möchte ein Hinweis auf die große Wahrheit sein, die allen Menschenkindern gilt: Nur im Lichtkreis der heiligen Gebote Gottes kann der Mensch vor den Anläufen der Mächte der Finsternis bestehen.“

Oerni

Also in einer Kurzformel  heißt das ja: Ora et Labora!

         

.............Wir haben eine lange Geschichte, die weit bis ins vorletzte Jahrhundert reicht: Gründungstag des Männer- und Frauenasyls 26.04.1866. Es folgten "Asyle" für entlassene Strafgefangene und Erziehungseinrichtungen für Mädchen. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden Einrichtungen für geistig und seelisch behinderte Männer und Frauen in Wiedenbrück, Werther und Ummeln. Zuletzt eingerichtet wurde die beschützende Werkstatt Waldwinkel.

Aus der Gründungszeit sind uns erste Haus- und Tagesordnungen überliefert. Das waren harte Zeiten damals....


Vom Gestern zu Heute

http://www.ummeln.de/deutsch/unsere-arbeit/historie/index.html

                       

Den Anordnungen der Hausmutter und der Helferinnen ist pünktlich und ohne Widerrede zu gehorchen.
 
Die Pfleglinge dürfen niemals über ihre früheren Sünden miteinander reden.
 
Besondere Freundschaften einzelner werden nicht geduldet.
 
Kein Pflegling darf Geld, Briefmarken oder Schmucksachen ohne Erlaubnis der Hausmutter im Besitz haben. Was davon mitgebracht ist, wird beim Eintritt abgenommen und von der Hausmutter verwahrt.
 
Ohne Erlaubnis angenommene Geschenke werden zu Gunsten des Hauses konfisziert.
 
Die Hausmutter hat das Recht, alle ankommenden Briefe zu erbrechen.
 
Die Vermittlung einer Dienststelle ist allein Sache des Hauses. Wer mit Ehren aus dem Hause entlassen wird, wird alsdann auskömmlich mit Kleidung ausgestattet.

 


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10. Säuglingsheime

Veröffentlicht auf von Oerni

12. Säuglingsheime

Säuglingsheime in Westdeutschland

Die vergessenen Kinderheime der Nachkriegszeit
© Dr. C. Burschel 2008
Teil I
Einführung
Über kaum eine andere Form der öffentlichen Pflege des 20. Jahrhunderts ist heute so wenig bekannt, wie über die Säuglingsheime, die es seit den 1920er bis zum Ende der 1960er/Anfang 1970er Jahre nahezu flächendeckend in Deutschland gegeben hat.
Das Säuglingsheim markierte oftmals den Beginn einer „Heimkarriere“ seiner Insassen. Nachdem die leiblichen Eltern ihr Kind nicht pflegen, versorgen bzw. erziehen, wollten, konnten und/oder durften. Seit 1950 kaum noch „echte“ Waisenkinder, waren diese Kinder zumeist sog. „Sozialwaisen“, was nichts anderes bedeutete, dass sie ungewollt und i.d.R. unehelich geboren worden waren.
Das grundlegende Missverständnis bis in unsere heutigen Tage sind die falschen Schlussfolgerungen die aus dem „Nichterinnern“ (ungleich „Vergessen“) der ehemaligen Insassen gezogen werden.
Gemeint ist damit, dass sich viele Insassen an ihre Zeit im Säuglingsheim nicht erinnern können. Dennoch lassen die Beobachtungen und Untersuchungen von den 1920er Jahre bis in die 1960er Jahre hinein den Schluss zu, dass viele (gesunde) Kleinkinder, die für längere Zeit in einem Säuglingsheim mit seinem rigiden Pflegeregime gelebt haben, irreversibel und langfristig massiv in ihrer Persönlichkeitsentwicklung „ge- und /oder beschädigt“ wurden.
In den letzten beiden Dekaden wurde diese Beobachtung durch Ergebnisse aus der Hirnforschung untermauert, die als Folge von Deprivation ein Verkümmern bis Untergehen relevanter Verbindungen in den betreffenden Teilen des Gehirns nachwiesen.
Säuglingsheim
In den 1970er Jahren wurden die meisten Säuglingsheime geschlossen und somit hat diese Heimform kaum 100 Jahre existiert. 1969 gab es bundesweit immerhin noch 333 Säuglingsheime mit rund 12.100 Pflegestellen (1967: 15.097 PfSt.; 1965: 17.324 PfSt.). Säuglingsheime waren Kinderheime in denen Säuglinge und Kleinkinder von 0 – 3 Jahren (auch bis zu 5 Jahren) - zumeist Sozialwaisen aus der Unterschicht – ganztägig gelebt haben.
Zentrales Merkmal dieser Heime war der Dualismus von Pflege (der Säuglinge) und Betreuung (der älteren Kinder) ihrer Insassen. In einigen Fällen waren diesen Säuglingsheimen Ausbildungsstätten für Kinderkrankenschwestern angeschlossen. Die Pflegesätze wurden entweder durch das Sozialamt getragen (bei den zumeist unehelichen Sozialwaisen, 46.954 (4,6%) uneheliche Kinder bei 1.019.000 Lebendgeborenen 1967) oder durch die Eltern. Die Aufenthaltsdauer der Kinder variierte stark (Kurzaufenthalt durch Abwesenheit der Eltern bis hin zum von den Eltern zurückgelassenen Kind).
Verbreitung, Trägerschaft
Bis in die 1960er Jahre verfügte nahezu jede größere Stadt (München allein über 44 ) über ein oder mehrere Säuglingsheime. Neben staatlichen Trägern waren hier besonders die Kirchen und weitere freie Wohlfahrts-verbände aktiv. Daneben gab es eine große Anzahl von Säuglingsheimen unterschiedlichster Größe in privater Trägerschaft. Für die Kontrolle der Säuglingsheime waren die Landesjugendämter zuständig.
Adoptionen
Eine größere Anzahl von Säuglingsheim-Kindern wurde zur Adoption (auch ins Ausland, insbes. in die USA) vermittelt, die nach der Rechtslage vor 1977 oftmals noch ohne aktive Kontrolle der Jugendämter vollzogen werden konnte.Diese Adoptionen hatten ihren Grund auch in den oftmals unwirtlichen Lebensbedingungen der Kleinkinder in den Säuglingsheimen, die in vielen Fällen bei diesen zum „Deprivationssyndrom“ und damit zum Hospitalismus führten. Es wurde daher versucht möglichst junge Kleinkinder zur Adoption zu vermitteln, d.h. bevor diese hospitalisiert wurden und dann für eine Adoption aufgrund ihrer Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsrückstände nicht mehr in Frage kamen.
Abschottung
In diesem Zusammenhang ist auch ein wichtiger Grund für die zumeist abgelegene Lage (außerhalb des Stadtkerns) und/oder Unzugänglichkeit (Mauern, Pforte, etc.) der Säuglingsheime für die Öffentlichkeit zu sehen, die letztlich als geographische und soziale Abschottung dieser Heime zu beschreiben ist. Es sollte der unkontrollierte Zugang der Öffentlichkeit zu den zumeist verhaltensauffälligen Kleinkindern verhindert werden.Neben dem Schutz der Kinder vor ggfls. unzulässigem Einfluss von leibl. Verwandten galt diese „Abschottung“ damit aber auch der Abwehr von externer Kontrolle. Heute auch ein Grund, warum die Säuglingsheime so schnell aus der „öffentlichen Erinnerung“ verschwunden sind. Oftmals zudem „spurlos“, da Akten kaum geführt und/oder vernichtet wurden.
Zeitgenössische Kritik
Aufgeklärte Zeitgenossen forderten bereits in den 1950er Jahre eine Abschaffung dieser Heimform (im Übrigen nur eine Fortsetzung der Debatte vor 1933). Diese konnten sich aber gegen die zumeist betriebswirtschaftlichen Interessen ihrer Träger nicht durch-setzen, die das vorhandene Wissen über den flächendeckend auftretenden Hospitalismus in den Säuglingsheimen schlicht ignorierten (Vgl. Literatur). So belegen etwa auch Teilnehmerlisten entsprechender Tagungen zum „Deprivationssysndrom“ regelmäßig auch die Teilnahme von Vertretern der Träger, von Heimleitern und Pflegekräften.
Erinnerungslose Zeit – Biografische Lücke
Die tief- und weitreichendsten Schädigungen für die Persönlichkeitsentwicklung sind bei den Betroffenen zumeist einer aktiven Erinnerung entzogen, da diese zeitlich im Säuglings- bzw. Kleinkindalter liegen, an das i.d.R. nur wenige Erinnerungen erhalten bleiben. Auch ist an den Sachverhalt der „Verdrängung“ (von Traumata) zu denken. Hinzu kommt eine systematische Eliminierung (aus Vorsatz oder Desinteresse) „objektivierter Erinnerung“(Vernichtung von Akten und Fotografien aus den Säuglingsheimen).
Verstärkt wird der „Trend des Vergessens“ zudem dadurch, dass die meisten Säuglingsheime zum Ende der 1960er Jahre/Anfang der 1970er Jahre geschlossen wurden. Auch bedarf die Rekonstruktion der eigenen „Bindungs-Geschichte“ ein erhebliches bindungstheoretisches Vorwissen, das bei vielen ehemaligen Säuglingsheim-Kindern – nicht zuletzt durch die folgende Heimkarriere mit ihren schlechten Bildungschancen - nicht vorhanden ist. Vielfältige „biografische Lücken“ bei den Betroffenen können die Folge sein.Viele in den 1950er und 1960er Jahren adoptierte Kinder wissen heute als Erwachsene nicht, dass sie in einem Säuglingsheim gelebt haben, obwohl sie sich u.U. mit den aus dem Hospitalismus folgenden langfristigen Beeinträchtigungen der Persönlichkeitsentwicklung auseinandersetzen müssen.
Schweigekartell
Festhalten kann man aber auch, dass die meisten zeitgenössischen Pflege- und Betreuungskräfte um das Auftreten des „Deprivationssyndrom“ und den „Hospitalismus“ in den Säuglingsheimen gewusst haben, wie mit der damaligen Literatur deutlich belegt werden kann. Dieses Wissen führt heute dazu, dass über die Verhältnisse in den Säuglingsheimen der Nachkriegszeit von diesen eine „Mauer des Schweigens“ gezogen wird. Selbstkritische ehemalige Pflegekräfte sind selten, aber es gibt sie. Seitens der ehemaligen Träger ist zu beobachten, dass diesen über die damaligen Verhältnisse in Säuglingsheimen oftmals – ohne eigene, aber mögliche Recherchen - keine Informationen vorliegen und diese Unkenntnis führt zu Unsicherheiten, die ebenfalls in ein Verschweigen münden können.

Teil II
Heimfotografie: „objektivierte Erinnerung“
So sind es heute u.a. die privaten Fotoalben der ehemaligen Pflege- und Betreuungskräfte, die ein „objektives“ Bild der damaligen Verhältnisse in den Säuglingsheimen zeichnen. Neben den gewollten und ungewollten Motiven dieser Fotografien ist es vor allem auch die Perspektive der betreffenden Fotografin, die heute wichtige Informationen liefert.
Zumeist ist diese von entwicklungspsychologischer Naivität und der Bevorzugung ausgewählter Kinder bestimmt. Der emotionale, teilweise auch körperliche Zustand der abgebildeten Kinder „spricht heute Bände“, ebenso wie die Haltung der dort zu sehenden Pflegekräfte.
Organisationsversagen?
Der einzelnen Pflegerin bzw. Betreuerin (in den Säuglingsheimen arbeiteten zumeist Frauen) ist heute kaum ein Einzelversagen gegenüber einem einzelnen Säugling oder Kleinkind vorzuwerfen bzw. nachzuweisen. Im wesentlichen ist hinsichtlich der Säuglingsheime der Nachkriegszeit ein „Organisationsversagen“ zu konstatieren, dass insbes. auf der Ebene der Heimleitung bzw. Träger virulent gewesen ist. Diese sind letztlich für die „rigide Pflegeorganisation“ verantwortlich.
Andererseits stellt sich aber auch die Frage, wie man den Arbeitsalltag in der deprivierenden Umwelt eines Säuglingsheimes „durchhalten“ konnte, ohne über ein bestimmtes Maß an „Ignoranz“ zu verfügen.
Die Veränderungen, die zur Abschaffung der Säuglingsheime führten, kamen von „außen“ und nicht von „innen“. Zuerst durch eine Veränderung in der Rentabilitätsstruktur der Säuglingsheime und an zweiter Stelle, durch die Folgen der „Heimrevolte“ („68er“), die indirekt auch die Säuglingsheime erreichte.
Dass mit dem „Wegschauen“ in den Säuglingsheimen keine Differenz zu dem damaligen Zeitgeist des „Verschweigens“ bestand mag als Kontextbeschreibung dienlich sein. Die ehemalige Pflege- und Betreuungskräfte enthebt das aber keinesfalls einer Mitverantwortung, hinsichtlich der offensichtlichen Missstände („institutionalisierten Kindesvernachlässigung“) in den Säuglingsheimen der Nachkriegszeit, an denen die Segnungen des „Wirtschaftswunders“ zudem oftmals vorbeigegangen zu sein scheinen.
Es ist, wie gesagt, unwahrscheinlich, dass diese von der breit geführten an vielen Stellen öffentliche Debatte um die Untauglichkeit der Säuglingsheime keine Kenntnis gehabt haben. Zumal, wenn man sich vor Augen hält, dass diese Debatte vor den konkreten, alltäglichen Erfahrung mit verhaltensauffälligen Kindern sogar in den Hintergrund hätte treten müssen.
Asymetrische Kommunikation
An dieser Stelle tritt ein weiteres zentrales Merkmal der Säuglingsheime zu Tage. Ihre Insassen, insbes. die Säuglinge verfügten nicht über Ausdrucksmöglich-keiten, sich „Gehör“ bei den Pflegekräften zu verschaffen, wenn diese das nicht wollten. Hier herrschte eine einseitig dominierte, asymetrische Kommunikationsstruktur vor, die zudem oftmals auf nur unzulänglich qualifiziertes Pflege- und Betreuungspersonal traf. Zudem gab es „pädagogische“, aber auch pharmazeutische Möglichkeiten des Ruhigstellens allzu „lebhafter“ Säuglinge und Kinder.
Kinder ohne Anwalt
Eine weitere Besonderheit ist, dass Kinder in Säuglingsheimen oftmals auf sich allein gestellt waren, d.h. überhaupt keinen Kontakt zur familiaren Außenwelt hatten. In vielen Fällen uneheliche Kinder waren Säuglingsheime auch der Ort eben diesen „Makel“ zu verbergen. Mit anderen Worten, „Kinder ohne Anwalt“ (aber mit Amtsvormund, dessen Rolle als vernach-lässigbar klassifiziert werden muss), die daher dem rigiden Pflege- und Betreuungsregime schutzlos ausgeliefert waren.
Folgen des Hospitalismus
Die durch den Hospitalismus hervorgerufenen Entwicklungsverzögerungen (vormals gesunder Kinder) konnten zu einer völligen Fehleinschätzung der intellektuellen und sozialen Potentiale eines Kindes im Säuglingsheim führen. Mit drastischen Folgen für deren weitere „Heimkarriere“. Im Kontext von Adoptionen konnte immer wieder beobachtet werden, dass solche Kinder diese Schädigungen in relativ kurzer Zeit aufholen konnten, obgleich langfristig wirksame Folgeschäden – je nach Schweregrad der Deprivation – auch hier nicht auszuschließen waren.

TEIL III
Zusammenfassung
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die schwerwiegendsten Schädigungen von Heimkindern der Nachkriegszeit während ihres Aufenthaltes in den Säuglingsheimen „angelegt“ wurden. Da diese aber in einer „Zeitzone des Nichterinnerns“ liegen, wird dies von den Betroffenen selbst, aber auch von um Aufarbeitung Bemühter oftmals nicht wahrgenommen.
An dieser Stelle hat insbesondere die Bindungstheorie (Bowlby, Ainthworth, etc.) eine Möglichkeit eröffnet, diese zumeist vergessenen prädeterminierenden Erfahrungen am Anfang einer Heimkarriere – und in ihrer langfristigen Wirkung auf die Persönlichkeits-entwicklung weit unterschätzten Lebenszeit - zu reaktualisieren.
Die besondere Vulnerabilität von Säuglingen und Kleinkindern, der entwicklungspsychologische Blick auf die ersten Lebensjahre gehört auch heute noch nicht zum alltagsresistenten Wissen. Und obwohl dies in den letzten Jahren sogar gehirnphysiologische Effekte der Verkümmerung durch Deprivation nachgewiesen werden konnten und damit von der Ebene der Beobachtung sozialen Verhaltens auf eine weitaus evidentere Ebene gehoben werden konnten.
Der Aufenthalt in einem Säuglingsheim kam für die betreffenden Kinder oftmals einer Tragödie gleich. Dies mag auch für die ein oder andere ehemalige Pflegekraft zutreffen, die, nach bestem Wissen und Gewissen elternlosen Kindern „helfen“ wollte.
Dabei ist sie aber Teil eines rigiden Pflege- und Betreuungsregimes gewesen, dass die Kinder teilweise tief greifend und für das weitere Leben irreversibel geschädigt hat.
Es scheint auch so, dass die Ideologie des „Helfens“ und „Aufopferns“ an dieser Stelle den Blick für die notwendige Professionalisierung und vor allem auch Qualifizierung der Pflegekräfte versperrt hat. Aber auch als willkommener Vorwand für unterlassene Verbesserungsbemühungen (incl. der schlechten Entlohnung) dieser für ihre Insassen völlig ungeeigneten Heimform gedient hat.
Nicht vergessen werden sollten an dieser Stelle aber auch die vielen leiblichen Mütter bzw. Eltern, die ihre Kinder diesen Lebensbedingungen ausgesetzt haben, bei gleichzeitig fallweise durchaus in Frage zu stellendem Lebenswandel.
Daraus lässt sich aber in keinem Fall eine Begründung für die völlig ungeeignete öffentliche Pflege von zumeist unehelichen Sozialwaisen in der Nachkriegszeit ableiten.
Resümee
Man hat um die Missstände in den Säuglingsheimen gewusst, sowohl seitens der Heimleitung, der Träger und der Pflegekräfte.
Das notwendige Wissen zur Vermeidung des Deprivationssyndroms und des Hospitalismus war vorhanden und bekannt.
Die notwendigen finanziellen Mittel für eine bessere Ausstattung der Säuglingsheime zur Vermeidung/ Eindämmung des Hospitalismus standen in der „Wirtschaftswunderzeit“ zur Verfügung.
Politisch war deren Verwendung für die öffentliche Pflege aber nicht erwünscht (Stichwort: „Organisationsversagen“).
Die Geschichte der Säuglingsheime in der Nachkriegszeit ist ein „Armutszeugnis“ in mehrfacher Hinsicht, das auch für die weiteren Bereiche der öffentlichen Pflege in dieser Zeit ausgestellt werden muss.
Säuglingsheime standen am Anfang vieler „Heimkarrieren“ und haben oftmals schwerwiegendere und langfristig wirksame Störungen in der Persönlichkeitsentwicklung ihrer Insassen verursacht, als deren eigene Erinnerung heute preisgibt.

Teil IV
Historischer Kontext der Säuglingsheime
Mit der Industrialisierung kam es zu einer Erosion tradierter Familienstrukturen, die hinsichtlich der Lebensphase Kindheit grundlegende Veränderungen mit sich brachten. Dabei muss allerdings aus dem Blickwinkel einer „Geschichte der Kindheit“ festgehalten werden, dass die heute vorherrschende bürgerliche (romantische) Sichtweise auf die Kindheit noch nicht sehr alt ist.
Die Geschichte der Kindheit ist von der Antike bis zur Aufklärung, von heute kaum noch vorstellbarer Brutalität und Ignoranz gegenüber Kindern - sei es in der Familie oder in der öffentlichen Pflege - geprägt, die in manchen Teilen der heutigen Welt zudem fortgeschrieben wird.
Vormoderne wie moderne Anstalten standen bis ins 20. Jahrhundert unter dem Primat betriebswirtschaftlicher Aspekte sowie dem „pädagogischen Ideal“ der Disziplinierung und der Zurverfügungstellung späterer „weltanschaulich gefestigter“ Arbeitskräfte.
Davon gibt auch die Literatur des 19. Jahrhunderts (Dickens, Hugo) eindrucksvoll ZeugnisInsbesondere die Sterblichkeitsrate (aber auch die Tötungsrate) von Säuglingen war zu diesen Zeiten extrem hoch, so dass es erste öffentliche Anstrengungen gab, diese zu senken (lange Zeit in Abwesenheit von „humanistischen Idealen“ sondern aus „pragmatischen, bevölkerungspolitischen und volkswirtschaftlichen Überlegungen heraus).
Säuglingsheime waren um die Jahrhundertwende zum 20. Jhrdt. Krankenhausabteilungen bzw. Krankenhäuser für kranke Säuglinge und „Aufbewahrungsort“ für uneheliche Kleinkinder.
Hauptproblem war die extrem hohe Mortalitätsrate (80% waren keine Ausnahme) der Säuglinge in solchen Häusern, so dass diesen der euphemistische Beiname „Heim“ verliehen wurde.
So manch uneheliches Kind wurde in dieser Zeit aus durchaus unlauteren Motiven in ein Säuglingsheim gegeben.
Durch medizinischen Fortschritt in den Säuglingsheimen der 2. Generation (u.a. durch Schlossmann), insbesondere durch hygienische Maßnahmen und Einstellung der Ernährung konnte die Sterblichkeit unter den Säuglingen drastisch gesenkt werden. Allerdings zum Preis einer institutionell induzierten Vernachlässigung der sozialen Bedürfnisse der Säuglinge, die nunmehr einer deprivierenden (klinischen) Umgebung ausgesetzt am (psychischen) Hospitalismus erkrankten und auch starben („anaklitische Depression“ nach R. Spitz).
Mit anderen Worten, die Eindämmung des medizinischen Hospitalismus (Mortalitätsrate) war zum Preis des psychischen Hospitalismus erkauft worden, der im Extremfall allerdings ebenfalls zum Tod eines Säuglings führen konnte.
Die gesenkte Mortalitätsrate führte zu einer nahezu flächendeckenden Errichtung von Säuglingsheimen, obgleich sich gerade auch im Kreise aufgeklärter Pädiater ein deutlicher Widerstand feststellen lässt, der in der sog. „v. Pfaundler-Schlossmann-Kontroverse“ der 1920er Jahre gipfelte.
Da die (Entwicklungs-) Psychologie noch in ihren Kinderschuhen steckte konnte sich diese Form der öffentlichen Pflege von Kleinkindern, trotz weiterer Kritik, etwa aus den Kreisen der Arbeiterbewegung, durchsetzen. In der Zeit des deutschen Faschismus verstummte die Kritik, erinnert sei hier nur an die Säuglingsheime des Lebensborn e.V., die zudem bevölkerungspolitischen Zwecken zu dienen hatten.
Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurden die Kirchen für die vorangegangene Enteignung ihrer Kinderheime entschädigt, so dass neue Abhängigkeiten entstanden deren Festigung gewollt war. In der direkten Nachkriegszeit waren Säuglingsheime aber auch oftmals die einzige Möglichkeit für das physische Überleben der Kleinkinder zu sorgen. Nachdem dieser Mangelzustand behoben worden war, wurde allerdings, vor allem seitens der Kirchen, nahtlos an der Vorstellung „der Anstalt“, der man einen Eigenwert beimaß, angeknüpft.
So dass auch in diesem Kontext die Säuglingsheime zur erneuten „Blüte“ gelangen konnten. Einige Kritiker meldeten sich zwar erneut zu Wort, wie etwa A. Mehringer oder Th. Hellbrügge und es gab auf der Basis der fortschreitenden Entwicklungspsychologie (insbes. Bowlby, A.Freud, Pechstein, etc.) einen breiten Diskurs zur prinzipiellen Untauglichkeit von Säuglingsheimen als Lebensort für Säuglinge und Kleinkinder. Dieser wurde aber erneut von weiten Kreisen der Heimträger ignoriert.

Säuglingsheim – ein geheimnisvoller Ort?
In der Erinnerung der Bevölkerung, sofern sich diese überhaupt erinnert, lassen deren Beschreibung den Eindruck zu, als wären Säuglingsheime Orte gewesen, an denen „unheimliche Dinge vonstatten“ gingen. Und mit deren Geschichte man bis heute lieber nichts zu tun haben möchte. Bei genauerem Nachfragen erhält man selten mehr als mehrdeutige Hinweise, die u.U. auf folgende Sachverhalte zurückgehen können.
Einige Säuglingsheime – wie viele lässt sich heute nicht mehr feststellen - nahmen neben der Pflege und Betreuung von Säuglingen und Kleinkinder weitere Aufgaben war. Nachweisen lies sich etwa eine „Hospitzabteilung“, in der schwerkranke und nicht lebensfähige Säuglings bis zu ihrem frühen Tod gepflegt wurden.
Des weiteren Wohnmöglichkeiten für sehr junge Mütter, welche diesen lange vor der eigentlichen Geburt zur Verfügung standen. Auch waren Säuglingsheime Zufluchtsorte für misshandelte und vernachlässigte Kleinkinder. Es gibt Beschreibungen, dass man die Kinder zwar „gehört“ aber kaum „gesehen“ habe und das des öfteren Kinder von Erwachsenen abgeholt wurden, die offensichtlich nicht die eigenen Eltern (Stichwort: Adoption) gewesen sein müssen.
In einem Fall wurde berichtet, dass in einem Monat „furchtbar viele Säuglinge gestorben wären, aber öffentlich nie etwas darüber zu erfahren gewesen sei“. Insgesamt ist der Eindruck entstanden, dass ein Säuglingsheim in manchen Fällen eine Art „isolierter Ort“ gewesen sein könnte, über den in der Bevölkerung kaum eine konkrete Vorstellung existierte. Und das sollte wohl auch so sein. Erst mit einer Veränderung der Rentabilitätsstruktur der Säuglingsheime und den gesellschaftspolitischen Veränderungen der 1968er Jahre wurde diese Heimform nahezu aufgegeben. Binnen kurzer Zeit wurde beseitigt, was jahrzehntelange Kritik der Sozialpädiater und Sozialwissenschaftler – und vereinzelte Kritik aus den „eigenen Reihen“ nicht vermocht hatten.
Kinder ohne Liebe:
http://www.youtube.com/watch?v=l7UHCzNj8Ts   

                                                                                                                                                     siehe auch:

http://www.saeuglingsheim-archiv.de/

Literatur (kommentiert)

A. Zeitgenössische Kritik
Deprivation/Hospitalismus in den Säuglingsheimen
F. Stirnimann: Das erste Erleben des Kindes. Eine Einführung in das Seelische der ersten Lebenszeit des Kindes für denkende Eltern, Pflegerinnen und Kinderfreunde, 2.A., Frauenfeld Leipzig 1938. Heute vor allem historisch bedeutsame Arbeit eines Kinderarztes aus Luzern.
M. zur Nieden: Adoptionsvermittlung. Entwicklung, Bedeutung, Organisation, Arbeitsweise, Finanzierung, Frankfurt/M. 1928 (Flugschriften des Archivs deutscher Berufsvormünder, Hrsg. von Dr. H. Weber, Heft 10).
Bedeutsame Originalschrift zur Adoptionsgeschichte in Deutschland aus der Sicht der freien Wohlfahrtsverbände, enthält Vorschläge zur Formulierung der Freigabeerklärung und der Aktenführung in Behörden und Vermittlungsstelle, trotz des hohen Alters der Schrift heute noch lesenswert. Vermittelt indirekt auch einen Einblick in die öffentliche Pflege von Kleinkindern der Zeit.
D. Burlingham/A. Freud: Anstaltskinder. Argumente für und gegen eine Anstaltserziehung von Kleinkindern, London 1950 (Deutsche Ausgabe).
Klassische Studie zur Bedeutung einer singulär-exclusive Betreuungsperson bei der Pflege von Kleinkindern.
A. Dührssen: Heimkinder und Pflegekinder in ihrer Entwicklung. Eine vergleichende Untersuchung in Elternhaus, Heim und Pflegefamilie, 2. Aufl., Göttingen 1964
Bekannte Dissertation, die heute noch lesenswert ist, recht nüchterne Darstellung der Wirkungen eines Aufenthaltes in einem Säuglingsheim.

W. Schwidder (Hrsg.): Die Bedeutung der frühen Kindheit für die Persönlichkeitsentwicklung, Göttingen 1962. Im Zusammenhang mit der Diskussion um die Ergebnisse von Dührssen  zu sehen, heute vor allem gute Zusammenfassung der zeitgnössischen Debatte um die Säuglingsheime.

M. Ellison: The deprived Child and Adoption, London 1963. Frühe Arbeit, die die Notwendigkeit einer Adoption von möglichst jungen Kleinkindern unterstreicht und auf die in Deutschland zu dieser Zeit weitgehend ignorierten möglichen Folgeprobleme einer Adoption beschreibt.
M. zur Nieden: Adoption und Adoptionsvermittlung. Entwicklung, Organisation, Ergebnisse,          3. Aufl., Köln etc. 1963.
Überarbeitete Auflage der o.g. Schrift von 1928, die Verfasserin war 40 Jahre auf dem Gebiet der Adoptionsvermittlung tätig und vermittelt eine detaillierte Inneneinsicht in die Adoptionsvermittlung in diesem Zeitraum. Erwähnenswert: die Schrift aus dem Jahr 1928 „musste“ kaum verändert werden (sic!).


M. Meierhofer/W. Keller: Frustration im frühen Kindesalter. Ergebnisse von Entwicklungsstudien in Säuglings- und Kleinkinderheimen, Bern 1966.

Wissenschaftlicher Klassiker zur Deprivations- und Hospitalismusforschung, auch Abdruck zahlreicher Fotografien von Kleinkindern, die die entsprechende Symptomatik zeigen (der Titel „Frustrationen“ wird hier in einem psychologischen Sinn gebraucht und klingt daher heute missverständlich).


F. Trost/H. Scherpner (Hrsg.): Handbuch der Heimerziehung, 2 Bände, Franfurt/Main etc. 1952 – 1966 (in 12 Lieferungen erschienen).
Ganzheitliche Darstellung der Leitsätze der Heimerzeihung aus der Perspektive der Verantwortlichen, vermittelt heute einen guten Eindruck über die damalige Vorstellungswelt in der Pflege und Betreuung von Kleinkindern in Säuglings- und Kinderheimen.
Deutsche Zentrale für Volksgesundheitspflege (Hrsg.): Das Deprivations-Syndrom in Prognose, Diagnose und Therapie, Bericht der Arbeitstagung vom 15. bis 17. Mai 1968 für Heimärzte und Heimleiter an Säuglings- und Kinderheimen, Frankfurt 1970 (Nachdruck1973).

Enthält präzise Beschreibungen des Deprivationssyndroms und des Hospitalismus sowie über deren Verbreitung in den Kinderheimen der Zeit.


D. Eckensberger: Sozialisationsbedingungen der öffentlichen Erziehung, Frankfurt/M 1971 Heute zentrale Arbeit, die detailliert Auskunft über die (alltäglichen) Verhältnisse in einem Säuglingsheim gibt.


J. Pechtstein/E. Siebenmorgen/D. Weltsch: Verlorene Kinder? Massen-pflege in Säuglingsheimen. Appell an die Gesellschaft, München 1972. Enthält eine Geschichte der Säuglingsheime sowie statistische Zahlen über die Belegzahlen von Säuglingsheimen. Der weiteren einen Anzahl von Fotografien deprivierter Säuglingsheim-Kinder. Zentrale Arbeit zur Einführung in die Thematik.
W. Schmidbauer: Verwundbare Kindheit, Planegg vor München 1973. Guter Überblick über die psychologischen Hintergründe von Deprivations-Syndrom und Hospitalismus.
U. Gerber (Hrsg.): Holt die Kinder aus den Heimen. Alternativen zur Heimunterbringung,Berlin 1974 Tagungsband in Folge der „Heimrevolte“, der die zeitgenössische Diskussion zusammen-fasst.
S. Koch: Schokolade reicht nicht, Berlin 1974.                                                                  Gezeichnetes Bilderbuch zur Situation von Heimkindern, Grafik-Design-Abschlussarbeit der Autorin an der HfbK Berlin; Einfühlsame, dabei zeittypische Umsetzung des Themas für Kinder.
J. Roth: Heimkinder. Ein Untersuchungsbericht über Säuglings- und Kinderheime in der Bundesrepublik, 2. Aufl., Köln 1975.  Journalistisch geschriebenes, faktenreiches Buch mit recht einseitiger politischer Ambition. 

E. Schmalohr: Frühe Mutterentbehrung bei Mensch und Tier. Entwicklungspsychologische Studie zur Psychohygiene der frühen Kindheit, 2. Aufl. München 1975.
Sehr kompakte und präzise Zusammenfassung der Forschungsergebnisse aus der „Deprivations- und (psychischer) Hospitalismusforschung“, wie sie Mitte bis Ende der 1960er Jahre zur Verfügung standen. Auch heute noch lesenswert.


J. Langmeier/Z. Matejcek: Psychische Deprivation im Kindesalter. Kinder ohne Liebe, München Wien Baltimore 1977.Deutsche Übersetzung aus dem Tschechischen (Original-ausgabe 1963, 3.Aufl. 1974, der die Übersetzung zu Grunde liegt);

Klassiker der Deprivationsforschung, mit einigen Fotografien aus den Filmen zur Deprivations- und Hospitalismusforschung, die damals weltweit für Aufsehen gesorgt haben (der Film „Kinder ohne Liebe“ ist heute auf DVD erhältlich.).
http://www.youtube.com/watch?v=l7UHCzNj8Ts


A. Mehringer: Heimkinder. Gesammelte Aufsätze zur Geschichte und zur Gegenwart der Heimerziehung, 3. Aufl., München Basel 1982.

Zentrales Werk (Aufsatzsammlung) zur Heimerziehung, einfühlsam, abwägend geschrieben, Mehringer war eine der zentralen Persönlichkeiten der Reformbestrebungen um die Heimerziehung seit den 1950er Jahren, auch heute noch unverzichtbares Einführungswerk zur Heimerziehung.

A. Mehringer: Verlassene Kinder, München Basel 1985 (hrsg. von der Deutschen Liga für das Kind in Familie und Gesellschaft zur Information der Abgeordneten des Deutschen Bundestages und der Parlamente der Bundesländer).                                                                                                    Präzise und gut strukturierte Zusammenfassung der Hospitalismusdebatte(n).


Zahlreiche Beiträge verschiedener Autoren aus „Unsere Jugend“ (1950 – 1970)

                                                                                                                                           Fachzeitschrift zur Sozialarbeit, regelmäßig kritische Beiträge über Säuglingsheime und verwandte Themen.

B. Geschichte der Heimerziehung

F. F. Röper: Das verwaiste Kind in Anstalt und Heim, Göttingen 1976.

                                                                                                                                           Umfangreiche Monographie zur Geschichte der öffentlichen Pflege von der Antike bis zur Moderne.
Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge (Hrsg.): Vier Jahre Bundessozialhilfegesetz und Jugendwohlfahrtsgesetz. Wege in die Zukunft, Frankfurt/Main1966.

                                                                       
Bericht über den 64. Fürsorgetag 1965 in Köln, gibt einen guten Überblick über die sozialen Problemlagen in dieser Zeit, insbes. über das damals relativ neue Jugendwohlfahrtsgesetz (S. 113ff.) und „Die alleinstehende Mutter und ihr Kind“ (S.193ff.).


M. Almstedt/B. Munkwitz: Ortsbestimmung der Heimerziehung. Geschichte, Bestandsaufnahme, Entwicklungstendenzen, Weinheim Basel 1982. 

Überblick über die historische Entwicklung der Heimerziehung seit 1945; den Autoren geht es primär um die Darstellung des relativen Scheiterns der „Heimreform“ Anfang der 1970er Jahre und das Aufzeigen alternativer Methoden der Heimerziehung.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     C. Heimverzeichnisse
Heute ist es oftmals nicht mehr möglich die Existenz eines Säuglingsheimes überhaupt nachzuweisen. So sind oftmals die Gebäude abgerissen und Akten vernichtet bzw. nicht auffindbar. Hilfreich für einen ersten Rechercheansatz sind an dieser Stelle die zeitgenössischen Heimverzeichnisse von denen hier eines exemplarisch aufgeführt ist. Solche Verzeichnisse wurden von den Kirchen und weiteren freien Trägern zu unterschiedlichen Zeiten auf unterschiedlicher Ebene (Bistum, Bundesland, deutschlandweit) herausgegeben.

Zentrale des Deutschen Caritasverbandes (Hrsg.); C. Becker (Bearbeiter): Handbuch der Caritativen Jugendhilfe in Deutschland. Übersicht über die Anstalten und Einrichtungen der Kath. Jugendhilfe nach dem Stande vom 1. November 1953, Freiburg i.Br. 1954  Bemerkenswert: enthält auch kath. „Anstalten“ (jeden Typs) der ehemaligen DDR.

D. Bindungstheorie

J. Bowlby: Maternal Care and mental Health, Genf 1952.(World Health Organization Monograph Series No.2)  Mit dieser zusammenfassenden Studie von Bowlby erlangte die Bindungstheorie ihre weltweite Bekanntheit.
J. Bowlby: Frühe Bindung und kindliche Entwicklung, 5. Auflage, München 2005

Deutsche Übersetzung des klassischen Werkes der Bindungstheorie.
L. Ahnert (Hrsg.): Frühe Bindung. Entstehung und Entwicklung, München Basel 2004. 

                                                                                                                                           Bestandsaufnahme der Bindungsforschung mit dem Charakter eines Lehrbuches für den Hochschulbetrieb, vermittelt einen kompakten Einblick in die Bindungsforschung.
K. H. Brisch/Th. Hellbrügge (Hrsg.): Bindung und Trauma. Risiken und Schutzfaktoren für die Entwicklung von Kindern, Stuttgart  2003.                                                                                                                                                                                                                  Zu Ehren von Emmy Jacobsen-Werner wurde im Dezember 2001 ein internationaler Kongress mit dem Titel „Attachement and Trauma: Risk and Protective Factors in the Development of Children“ in München veranstaltet, dessen Beiträge in diesem Band zusammengefasst wurden. In diesem Band wird u.a. die Bedeutung der psychischen Widerstandsfähigkeit („Resilienz“) deutlich, deren Wirkung u.a. in den Untersuchungen von Jacobsen-Werner eine große Rolle gespielt haben. Darüber hinaus finden sich Hinweise zu den Filmen der klassischen Deprivations- und Hospitalismusforschung und ein bemerkenswerter Beitrag von Zdenek Matejecek, einem Klassiker dieser Forschungsrichtung.

K. Grossmann/K. E. Grossmann: Bindungen – das Gefüge psychischer Sicherheit, 2. Aufl., Stuttgart 2005 (Erstauflage 2004). Umfassendes Werk zur Bindungsforschung, fasst u.a. die Forschungsergebnisse von mehr als 2 Dekaden dauernden Langzeitbeobachtungen bei 100 Kindern.
http://www.gif-paradies.de/gifs/gemischtes/linien/linie_0017.gif
Hier ein Film zu Hospitalismus:

Vorsicht! anschauen auf eigene Gefahr!                               

http://www.youtube.com/watch?v=H-QvT-koIB0

http://www.gif-paradies.de/gifs/gemischtes/linien/linie_0017.gif

Filmbeiträge zur Heimerziehung

Heimkinder- Heime Teil 1

http://www.youtube.com/watch?v=JryJdz7x1Cc&feature=related

Heimkinder-Hoellenloecher deutscher Heimerziehung                       

1945-1975. Teil 2

http://www.youtube.com/watch?v=mjtKQ2mGyHY&feature=related

Heimerziehung Kalmenhof

http://www.youtube.com/watch?v=1Mf2E8SPWzM&feature=related

Heimkinder Deutschland von 1937-1975

http://www.youtube.com/watch?v=IKVrVSGlzEA&feature=related

Heimerziehung ist eine Strafe

http://www.youtube.com/watch?v=rCAKiz6Ai_Y&feature=related

                                                                                                                                                          http://www.gif-paradies.de/gifs/gemischtes/linien/linie_0017.gif

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