Frauenheim Wengern
Ich glaubte immer in einem Kinderheim geboren und aufgewachsen zu sein,
aber mein Kinderheim entpuppte sich als ein Frauenheim, d.h. Frauenheim mit einer Säuglingsstation.
Beschreibung des Heimes:
Seit der Gründung im Jahre 1917 bietet
die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen e.V. im Frauenheim Wengern Frauen - seit 1999 auch für Männer - Hilfen gemäß den sozialen gesellschaftlichen Erfordernissen
an.
Im Laufe der Jahrzehnte stellte so das
Frauenheim Hilfen bereit für in Not geratene Frauen: unverheiratete Mütter, Prostituierte, aus dem Gefängnis entlassene ältere Frauen; es war tätig im Rahmen der Fürsorgeerziehung,
Fürsorgeerziehungshilfe, Mutter-Kind-Arbeit.
Ich habe dann mit diesem Heim Kontakt aufgenommen mit der Bitte um nähere
Informationen über meine Existenz in diesem Heim. Ich habe keine Heimakte bekommen aber einen Brief mit folgendem Wortlaut:
….im Archiv haben wir nach längerer Suche ihre Akte
gefunden.
Ihr Geburtsgewicht betrug 3180
gr.
Länge 52
cm
Kopfumfang 33,5 cm
Sie werden beschrieben als ein zartgliedriges, aber gesundes Kind, Als
hübsches Kind mit blondem, etwas gelocktem Haar und braunen Augen. Sie waren still und äußerst vorsichtig nicht vertrauten Personen gegenüber.
Sie wurden am 20.05.1954 in das Kinderheim „Gotteshütte“ in Kleinenbremen
bei Bückeburg entlassen, da Sie unserer Säuglingsstation entwachsen waren. Von dort aus sollte eine passende Familie für die Familienpflege gesucht werden.
Ein Schreiben kurz gehalten über 3 Jahre meines Lebens, welches ich dort
in Wengern auf einer Säuglingsstation verbrachte und dann die Verlegung in ein anderes Heim. Ich hatte keine Erinnerung an diese Verlegung und ich war irritiert und traurig. Es stellte sich das
ein, was ich an mir kenne, wenn ich nichts fühlen möchte. Ich fange einfach an mich mit einer vorgeschobenen Arbeit zu beschäftigen. Keine Zeit für Gefühle, das mache ich oft so. Ich hatte
den Eindruck, dass man mich betrogen hatte, ohne darüber nachzudenken, wer nun dafür verantwortlich war. Mit der Überraschung des ersten Heimes das ja kein Kinderheim war, kam nun die Angst dazu,
um was für ein Heim es sich bei den angegebenen Informationen des zweiten Heimes handelt und welche Überraschungen mich dort erwarten würden.
Aus dem ersten Heime möchte ich den Abschlussbericht
zitieren:
Betr.: xxxxxxxxx geb.xxxxxx 51
in Esborn
1. Mutter:Hausgehilfin Hildegard
xxxxxx,geb.16.6.26,Post:Velbert i.W.
bei Familie xxxxxxxxx
2. Vormund: Jugendamt des Amtes Volmarstein AZ: Vb xxxxx
3. Kostenträger: Wohlfahrtsamt Volmarstein
4. Es liegen an: Geburtsurkunde, Taufschein, Impfschein und Pol.
5. Xxxxxxx ist körperlich zwar etwas zart
aber gesund. Sie ist letzthin zutraulicher geworden, aber sonst im Wesen still und zurückhaltend.xxxxx ist recht liebesbedürftig. Geistig ist sie ein wenig unter dem Durchschnitt, aber in der
Entwicklung hat sie doch Fortschritte gemacht.
So viel zu den ersten drei Jahre meines Heimaufenthaltes in Wengern, Erinnerungen habe ich keine an diese Zeit.
So bleibt mir von dieser Zeit nur eine kurze Beschreibung.
Auf Anfrage hin stelle ich die heutige Kontaktadresse dieses Heimes hinein:
http://www.frauenhilfe-westfalen.de/wengern/kontakt.html
Fotos aus dem Heimarchiv von Dr. C Burschel
Anstelle Erinnerungen, die ich nicht habe:
Säuglingsheime in
Westdeutschland
Die vergessenen Kinderheime der
Nachkriegszeit
Eine Zusammenfassung mit Berücksichtigung zeitgenössischer Veröffentlichungen
und der inoffiziellen Heimfotografie
© Dr. C. Burschel 2008
Teil I
Einführung
Über kaum eine andere Form der öffentlichen Pflege des 20. Jahrhunderts ist heute so wenig
bekannt, wie über die Säuglingsheime, die es seit den 1920er bis zum Ende der 1960er/Anfang 1970er Jahre nahezu flächendeckend in Deutschland gegeben hat.
Das Säuglingsheim markierte oftmals den Beginn einer „Heimkarriere“ seiner Insassen. Nachdem die
leiblichen Eltern ihr Kind nicht pflegen, versorgen bzw. erziehen, wollten, konnten und/oder durften. Seit 1950 kaum noch „echte“ Waisenkinder, waren diese Kinder zumeist sog. „Sozialwaisen“, was
nichts anderes bedeutete, dass sie ungewollt und i.d.R. unehelich geboren worden waren.
Das grundlegende Missverständnis bis in unsere heutigen Tage sind die falschen Schlussfolgerungen
die aus dem „Nichterinnern“ (ungleich „Vergessen“) der ehemaligen Insassen gezogen
werden.
Gemeint ist damit, dass sich viele Insassen an ihre Zeit im Säuglingsheim nicht erinnern können.
Dennoch lassen die Beobachtungen und Untersuchungen von den 1920er Jahre bis in die 1960er Jahre hinein den Schluss zu, dass viele (gesunde) Kleinkinder, die für längere Zeit in einem
Säuglingsheim mit seinem rigiden Pflegeregime gelebt haben, irreversibel und langfristig massiv in ihrer Persönlichkeitsentwicklung „ge- und /oder beschädigt“ wurden.
In den letzten beiden Dekaden wurde diese Beobachtung durch Ergebnisse aus der Hirnforschung untermauert, die
als Folge von Deprivation ein Verkümmern bis Untergehen relevanter Verbindungen in den betreffenden Teilen des Gehirns nachwiesen.
Säuglingsheim
In den 1970er Jahren wurden die meisten Säuglingsheime geschlossen und somit hat diese Heimform
kaum 100 Jahre existiert. 1969 gab es bundesweit immerhin noch 333 Säuglingsheime mit rund 12.100 Pflegestellen (1967: 15.097 PfSt.; 1965: 17.324 PfSt.). Säuglingsheime waren Kinderheime in denen
Säuglinge und Kleinkinder von 0 – 3 Jahren (auch bis zu 5 Jahren) - zumeist Sozialwaisen aus der Unterschicht – ganztägig gelebt haben.
Zentrales Merkmal dieser Heime war der Dualismus von Pflege (der Säuglinge) und Betreuung (der älteren Kinder) ihrer Insassen. In einigen Fällen waren diesen
Säuglingsheimen Ausbildungsstätten für Kinderkrankenschwestern angeschlossen. Die Pflegesätze wurden entweder durch das Sozialamt getragen (bei den zumeist unehelichen Sozialwaisen, 46.954 (4,6%)
uneheliche Kinder bei 1.019.000 Lebendgeborenen 1967) oder durch die Eltern. Die Aufenthaltsdauer der Kinder variierte stark (Kurzaufenthalt durch Abwesenheit der Eltern bis hin zum von den
Eltern zurückgelassenen Kind).
Verbreitung, Trägerschaft
Bis in die 1960er Jahre verfügte nahezu jede größere Stadt (München allein über 44 ) über ein oder
mehrere Säuglingsheime. Neben staatlichen Trägern waren hier besonders die Kirchen und weitere freie Wohlfahrts-verbände aktiv. Daneben gab es eine große Anzahl von Säuglingsheimen
unterschiedlichster Größe in privater Trägerschaft. Für die Kontrolle der Säuglingsheime waren die Landesjugendämter zuständig.
Adoptionen
Eine größere Anzahl von Säuglingsheim-Kindern wurde zur Adoption (auch ins Ausland, insbes. in die
USA) vermittelt, die nach der Rechtslage vor 1977 oftmals noch ohne aktive Kontrolle der Jugendämter vollzogen werden konnte.Diese Adoptionen hatten ihren Grund auch in den oftmals unwirtlichen
Lebensbedingungen der Kleinkinder in den Säuglingsheimen, die in vielen Fällen bei diesen zum „Deprivationssyndrom“ und damit zum Hospitalismus führten. Es wurde daher versucht möglichst junge
Kleinkinder zur Adoption zu vermitteln, d.h. bevor diese hospitalisiert wurden und dann für eine Adoption aufgrund ihrer Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsrückstände nicht mehr in Frage
kamen.
Abschottung
In diesem Zusammenhang ist auch ein wichtiger Grund für die zumeist abgelegene Lage (außerhalb des
Stadtkerns) und/oder Unzugänglichkeit (Mauern, Pforte, etc.) der Säuglingsheime für
die Öffentlichkeit zu sehen, die letztlich als geographische und soziale Abschottung
dieser Heime zu beschreiben ist. Es sollte der unkontrollierte Zugang der Öffentlichkeit zu den zumeist verhaltensauffälligen Kleinkindern verhindert werden.Neben dem Schutz der Kinder vor ggfls. unzulässigem Einfluss von leibl. Verwandten galt diese „Abschottung“ damit aber auch der
Abwehr von externer Kontrolle. Heute auch ein Grund, warum die Säuglingsheime so schnell aus der „öffentlichen Erinnerung“ verschwunden sind. Oftmals zudem „spurlos“, da Akten kaum geführt
und/oder vernichtet wurden.
Zeitgenössische Kritik
Aufgeklärte Zeitgenossen forderten bereits in den 1950er Jahre eine Abschaffung dieser Heimform (im Übrigen nur eine Fortsetzung der Debatte vor 1933). Diese konnten sich aber gegen die
zumeist betriebswirtschaftlichen Interessen ihrer Träger nicht durch-setzen, die das vorhandene Wissen über den flächendeckend auftretenden Hospitalismus in den Säuglingsheimen schlicht
ignorierten (Vgl. Literatur). So belegen etwa auch Teilnehmerlisten entsprechender Tagungen zum „Deprivationssysndrom“ regelmäßig auch die Teilnahme von Vertretern der Träger, von Heimleitern und
Pflegekräften.
Erinnerungslose Zeit – Biografische Lücke
Die tief- und weitreichendsten Schädigungen für die Persönlichkeitsentwicklung sind bei den
Betroffenen zumeist einer aktiven Erinnerung entzogen, da diese zeitlich im Säuglings-
bzw. Kleinkindalter liegen, an das i.d.R. nur wenige Erinnerungen erhalten bleiben. Auch ist an den Sachverhalt der „Verdrängung“ (von Traumata) zu denken. Hinzu kommt eine systematische
Eliminierung (aus Vorsatz oder Desinteresse) „objektivierter Erinnerung“(Vernichtung
von Akten und Fotografien aus den Säuglingsheimen).
Verstärkt wird der „Trend des Vergessens“ zudem dadurch, dass die meisten Säuglingsheime zum Ende der 1960er Jahre/Anfang der
1970er Jahre geschlossen wurden. Auch bedarf die Rekonstruktion der eigenen „Bindungs-Geschichte“ ein erhebliches bindungstheoretisches Vorwissen, das bei vielen ehemaligen Säuglingsheim-Kindern
– nicht zuletzt durch die folgende Heimkarriere mit ihren schlechten Bildungschancen - nicht vorhanden ist. Vielfältige „biografische Lücken“ bei den Betroffenen können die Folge sein.Viele in
den 1950er und 1960er Jahren adoptierte Kinder wissen heute als Erwachsene nicht, dass sie in einem Säuglingsheim gelebt haben, obwohl sie sich u.U. mit den aus dem Hospitalismus folgenden
langfristigen Beeinträchtigungen der Persönlichkeitsentwicklung auseinandersetzen müssen.
Schweigekartell
Festhalten kann man aber auch, dass die meisten zeitgenössischen Pflege- und Betreuungskräfte um
das Auftreten des „Deprivationssyndrom“ und den „Hospitalismus“ in den Säuglingsheimen gewusst haben, wie mit der damaligen Literatur deutlich belegt werden kann. Dieses
Wissen führt heute dazu, dass über die Verhältnisse in den Säuglingsheimen der Nachkriegszeit von diesen eine „Mauer des Schweigens“ gezogen wird. Selbstkritische ehemalige Pflegekräfte sind
selten, aber es gibt sie. Seitens der ehemaligen Träger ist zu beobachten, dass diesen über die damaligen Verhältnisse in Säuglingsheimen oftmals – ohne eigene, aber mögliche Recherchen - keine
Informationen vorliegen und diese Unkenntnis führt zu Unsicherheiten, die ebenfalls in ein Verschweigen münden können.
Teil II
Heimfotografie: „objektivierte Erinnerung“
So sind es heute u.a. die privaten Fotoalben der ehemaligen Pflege- und Betreuungskräfte, die ein
„objektives“ Bild der damaligen Verhältnisse in den Säuglingsheimen zeichnen. Neben den gewollten und ungewollten Motiven dieser Fotografien ist es vor allem auch die Perspektive der betreffenden
Fotografin, die heute wichtige Informationen liefert.
Zumeist ist diese von entwicklungspsychologischer Naivität und der Bevorzugung ausgewählter Kinder bestimmt.
Der emotionale, teilweise auch körperliche Zustand der abgebildeten Kinder „spricht
heute Bände“, ebenso wie die Haltung der dort zu sehenden Pflegekräfte.
Organisationsversagen?
Der einzelnen Pflegerin bzw. Betreuerin (in den Säuglingsheimen arbeiteten zumeist Frauen) ist
heute kaum ein Einzelversagen gegenüber einem einzelnen Säugling oder Kleinkind vorzuwerfen bzw. nachzu-weisen. Im wesentlichen ist hinsichtlich der Säuglings-heime der Nachkriegszeit ein
„Organisationsversagen“ zu konstatieren, dass insbes. auf der Ebene der Heimleitung bzw. Träger virulent gewesen ist. Diese sind letztlich für die „rigide Pflegeorganisation“ verantwortlich.
Andererseits stellt sich aber auch die Frage, wie man den Arbeitsalltag in der deprivierenden Umwelt eines
Säuglingsheimes „durchhalten“ konnte, ohne über ein bestimmtes Maß an „Ignoranz“ zu verfügen.
Die Veränderungen, die zur Abschaffung der Säuglingsheime führten, kamen von „außen“ und nicht von „innen“. Zuerst durch eine Veränderung in der Rentabilitätsstruktur der Säuglingsheime und an zweiter
Stelle, durch die Folgen der „Heimrevolte“ („68er“), die indirekt auch die Säuglingsheime erreichte.
Dass mit dem „Wegschauen“ in den Säuglingsheimen keine Differenz zu dem damaligen Zeitgeist des
„Verschweigens“ bestand mag als Kontextbeschreibung dienlich sein. Die ehemalige Pflege- und Betreuungskräfte enthebt das aber keinesfalls einer Mitverantwortung, hinsichtlich der offensichtlichen Missstände („institutionalisierten Kindesvernachlässigung“) in den Säuglingsheimen der Nachkriegszeit, an denen die Segnungen des
„Wirtschaftswunders“ zudem oftmals vorbeigegangen zu sein scheinen.
Es ist, wie gesagt, unwahrscheinlich, dass diese von der breit geführten an vielen Stellen
öffentliche Debatte um die Untauglichkeit der Säuglingsheime keine Kenntnis gehabt haben. Zumal, wenn
man sich vor Augen hält, dass diese Debatte vor den konkreten, alltäglichen Erfahrung mit verhaltensauffälligen Kindern sogar in den Hintergrund hätte treten müssen.
Asymetrische Kommunikation
An dieser Stelle tritt ein weiteres zentrales Merkmal der Säuglingsheime zu Tage. Ihre Insassen,
insbes. die Säuglinge verfügten nicht über Ausdrucksmöglich-keiten, sich „Gehör“ bei den Pflegekräften zu verschaffen, wenn diese das nicht wollten. Hier herrschte eine einseitig dominierte,
asymetrische Kommunikationsstruktur vor, die zudem oftmals auf nur unzulänglich
qualifiziertes Pflege- und Betreuungspersonal traf. Zudem gab es „pädagogische“, aber auch pharmazeutische Möglichkeiten des Ruhigstellens allzu „lebhafter“ Säuglinge und Kinder.
Kinder ohne Anwalt
Eine weitere Besonderheit ist, dass Kinder in Säuglingsheimen oftmals auf sich allein gestellt
waren, d.h. überhaupt keinen Kontakt zur familiaren Außenwelt hatten. In vielen Fällen uneheliche Kinder waren Säuglingsheime auch der Ort eben diesen „Makel“ zu verbergen. Mit anderen Worten,
„Kinder ohne Anwalt“ (aber mit Amtsvormund, dessen Rolle als vernach-lässigbar klassifiziert werden muss), die daher dem rigiden Pflege- und Betreuungsregime schutzlos ausgeliefert
waren.
Folgen des Hospitalismus
Die durch den Hospitalismus hervorgerufenen Entwicklungsverzögerungen (vormals gesunder Kinder) konnten zu
einer völligen Fehleinschätzung der intellektuellen und sozialen Potentiale eines Kindes im Säuglingsheim führen. Mit drastischen Folgen für deren weitere „Heimkarriere“. Im Kontext von
Adoptionen konnte immer wieder beobachtet werden, dass solche Kinder diese Schädigungen in relativ kurzer Zeit aufholen konnten, obgleich langfristig wirksame Folgeschäden – je nach Schweregrad
der Deprivation – auch hier nicht auszuschließen waren.
TEIL III
Zusammenfassung
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die schwerwiegendsten Schädigungen von Heimkindern der
Nachkriegszeit während ihres Aufenthaltes in den Säuglingsheimen „angelegt“ wurden. Da
diese aber in einer „Zeitzone des Nichterinnerns“ liegen, wird dies von den Betroffenen selbst, aber
auch von um Aufarbeitung Bemühter oftmals nicht wahrgenommen.
An dieser Stelle hat insbesondere die Bindungstheorie (Bowlby, Ainthworth, etc.) eine Möglichkeit eröffnet,
diese zumeist vergessenen prädeterminierenden Erfahrungen am Anfang einer Heimkarriere – und in ihrer langfristigen Wirkung auf die Persönlichkeits-entwicklung weit unterschätzten Lebenszeit - zu
reaktualisieren.
Die besondere Vulnerabilität von Säuglingen und Kleinkindern, der entwicklungspsychologische Blick auf die
ersten Lebensjahre gehört auch heute noch nicht zum alltagsresistenten Wissen. Und obwohl dies in den letzten Jahren sogar gehirnphysiologische Effekte der Verkümmerung durch Deprivation nachgewiesen werden konnten und damit von der Ebene der
Beobachtung sozialen Verhaltens auf eine weitaus evidentere Ebene gehoben werden konnten.
Der Aufenthalt in einem Säuglingsheim kam für die betreffenden Kinder oftmals einer Tragödie gleich. Dies mag
auch für die ein oder andere ehemalige Pflegekraft zutreffen, die, nach bestem Wissen und Gewissen
elternlosen Kindern „helfen“ wollte.
Dabei ist sie aber Teil eines rigiden Pflege- und Betreuungsregimes gewesen, dass die Kinder teilweise tief greifend und für das weitere
Leben irreversibel geschädigt hat.
Es scheint auch so, dass die Ideologie des „Helfens“ und „Aufopferns“ an dieser Stelle den Blick für die notwendige Professionalisierung und vor allem auch
Qualifizierung der Pflegekräfte versperrt hat. Aber auch als willkommener Vorwand für unterlassene Verbesserungsbemühungen (incl. der schlechten Entlohnung) dieser für ihre Insassen völlig
ungeeigneten Heimform gedient hat.
Nicht vergessen werden sollten an dieser Stelle aber auch die vielen leiblichen Mütter bzw. Eltern, die ihre Kinder diesen Lebensbedingungen ausgesetzt haben, bei gleichzeitig fallweise
durchaus in Frage zu stellendem Lebenswandel.
Daraus lässt sich aber in keinem Fall eine Begründung für die völlig ungeeignete öffentliche Pflege von
zumeist unehelichen Sozialwaisen in der Nachkriegszeit ableiten.
Resümee
Man hat um die Missstände in den Säuglingsheimen gewusst, sowohl seitens der Heimleitung, der Träger und der Pflegekräfte.
Das notwendige Wissen zur Vermeidung des Deprivationssyndroms und des Hospitalismus war vorhanden und bekannt.
Die notwendigen finanziellen Mittel für eine bessere Ausstattung der Säuglingsheime zur Vermeidung/ Eindämmung des
Hospitalismus standen in der „Wirtschaftswunderzeit“ zur Verfügung.
Politisch war deren Verwendung für die öffentliche Pflege aber nicht erwünscht (Stichwort:
„Organisationsversagen“).
Die Geschichte der Säuglingsheime in der Nachkriegszeit ist ein „Armutszeugnis“ in mehrfacher Hinsicht, das
auch für die weiteren Bereiche der öffentlichen Pflege in dieser Zeit ausgestellt werden muss.
Säuglingsheime standen am Anfang vieler „Heimkarrieren“ und haben oftmals schwerwiegendere und langfristig
wirksame Störungen in der Persönlichkeitsentwicklung ihrer Insassen verursacht, als deren eigene Erinnerung heute preisgibt.
Teil IV
Historischer Kontext der Säuglingsheime
Mit der Industrialisierung kam es zu einer Erosion tradierter Familienstrukturen, die hinsichtlich
der Lebensphase Kindheit grundlegende Veränderungen mit sich brachten. Dabei muss allerdings aus dem Blickwinkel einer „Geschichte der Kindheit“ festgehalten werden, dass die heute vorherrschende bürgerliche (romantische)
Sichtweise auf die Kindheit noch nicht sehr alt ist.
Die Geschichte der Kindheit ist von der Antike bis zur Aufklärung, von heute kaum noch
vorstellbarer Brutalität und Ignoranz gegenüber Kindern - sei es in der Familie oder in der öffentlichen Pflege - geprägt, die in manchen Teilen
der heutigen Welt zudem fortgeschrieben wird.
Vormoderne wie moderne Anstalten standen bis ins 20. Jahrhundert unter dem Primat
betriebswirtschaftlicher Aspekte sowie dem „pädagogischen Ideal“ der Disziplinierung und der Zurverfügungstellung späterer „weltanschaulich gefestigter“ Arbeitskräfte.
Davon gibt auch die Literatur des 19. Jahrhunderts (Dickens, Hugo) eindrucksvoll
ZeugnisInsbesondere die Sterblichkeitsrate (aber auch die Tötungsrate) von Säuglingen war zu diesen Zeiten extrem hoch, so dass es erste öffentliche Anstrengungen gab, diese zu senken (lange Zeit
in Abwesenheit von „humanistischen Idealen“ sondern aus „pragmatischen, bevölkerungspolitischen und volkswirtschaftlichen Überlegungen heraus).
Säuglingsheime waren um die Jahrhundertwende zum 20. Jhrdt. Krankenhausabteilungen bzw. Krankenhäuser für
kranke Säuglinge und „Aufbewahrungsort“ für uneheliche Kleinkinder.
Hauptproblem war die extrem hohe Mortalitätsrate (80% waren keine Ausnahme) der Säuglinge in solchen Häusern,
so dass diesen der euphemistische Beiname „Heim“ verliehen wurde.
So manch uneheliches Kind wurde in dieser Zeit aus durchaus unlauteren Motiven
in ein Säuglingsheim gegeben.
Durch medizinischen Fortschritt in den Säuglingsheimen der 2. Generation (u.a. durch Schlossmann),
insbesondere durch hygienische Maßnahmen und Einstellung der Ernährung konnte die Sterblichkeit unter den Säuglingen drastisch gesenkt werden. Allerdings zum Preis einer institutionell
induzierten Vernachlässigung der sozialen Bedürfnisse der Säuglinge, die nunmehr einer deprivierenden (klinischen) Umgebung ausgesetzt am (psychischen) Hospitalismus erkrankten und auch starben
(„anaklitische Depression“ nach R. Spitz).
Mit anderen Worten, die Eindämmung des medizinischen Hospitalismus (Mortalitätsrate) war zum Preis
des psychischen Hospitalismus erkauft worden, der im Extremfall allerdings ebenfalls zum Tod eines Säuglings führen konnte.
Die gesenkte Mortalitätsrate führte zu einer nahezu flächendeckenden Errichtung von Säuglingsheimen, obgleich
sich gerade auch im Kreise aufgeklärter Pädiater ein deutlicher Widerstand feststellen lässt, der in der sog. „v. Pfaundler-Schlossmann-Kontroverse“ der 1920er Jahre gipfelte.
Da die (Entwicklungs-) Psychologie noch in ihren Kinderschuhen steckte konnte sich diese Form der
öffentlichen Pflege von Kleinkindern, trotz weiterer Kritik, etwa aus den Kreisen der Arbeiterbewegung, durchsetzen. In der Zeit des deutschen Faschismus verstummte die Kritik, erinnert sei hier
nur an die Säuglingsheime des Lebensborn e.V., die zudem bevölkerungspolitischen Zwecken zu dienen hatten.
Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurden die Kirchen für die vorangegangene Enteignung ihrer Kinderheime
entschädigt, so dass neue Abhängigkeiten entstanden deren Festigung gewollt war. In der direkten
Nachkriegszeit waren Säuglingsheime aber auch oftmals die einzige Möglichkeit für das physische Überleben der Kleinkinder zu sorgen. Nachdem dieser Mangelzustand behoben worden
war, wurde allerdings, vor allem seitens der Kirchen, nahtlos an der Vorstellung „der
Anstalt“, der man einen Eigenwert beimaß, angeknüpft.
So dass auch in diesem Kontext die Säuglingsheime zur erneuten „Blüte“ gelangen konnten. Einige Kritiker
meldeten sich zwar erneut zu Wort, wie etwa A. Mehringer oder Th. Hellbrügge und es gab auf der Basis der fortschreitenden Entwicklungspsychologie (insbes. Bowlby, A.Freud, Pechstein, etc.) einen
breiten Diskurs zur prinzipiellen Untauglichkeit von Säuglingsheimen als Lebensort für Säuglinge und Kleinkinder. Dieser wurde aber erneut von weiten Kreisen der Heimträger ignoriert.
Säuglingsheim – ein geheimnisvoller Ort?
In der Erinnerung der Bevölkerung, sofern sich diese überhaupt erinnert, lassen deren Beschreibung den
Eindruck zu, als wären Säuglingsheime Orte gewesen, an denen „unheimliche Dinge vonstatten“ gingen. Und mit deren Geschichte man bis heute lieber nichts zu tun haben möchte. Bei genauerem
Nachfragen erhält man selten mehr als mehrdeutige Hinweise, die u.U. auf folgende Sachverhalte zurückgehen können.
Einige Säuglingsheime – wie viele lässt sich heute nicht mehr feststellen - nahmen neben der Pflege und
Betreuung von Säuglingen und Kleinkinder weitere Aufgaben war. Nachweisen lies sich etwa eine „Hospitzabteilung“, in der schwerkranke und nicht lebensfähige Säuglings bis zu ihrem frühen Tod
gepflegt wurden.
Des weiteren Wohnmöglichkeiten für sehr junge Mütter, welche diesen lange vor der eigentlichen Geburt zur
Verfügung standen. Auch waren Säuglingsheime Zufluchtsorte für misshandelte und vernachlässigte Kleinkinder. Es gibt Beschreibungen, dass man die Kinder zwar „gehört“ aber kaum „gesehen“ habe und
das des öfteren Kinder von Erwachsenen abgeholt wurden, die offensichtlich nicht die eigenen Eltern (Stichwort: Adoption) gewesen sein müssen.
In einem Fall wurde berichtet, dass in einem Monat „furchtbar viele Säuglinge gestorben wären, aber öffentlich
nie etwas darüber zu erfahren gewesen sei“. Insgesamt ist der Eindruck entstanden, dass ein Säuglingsheim in manchen Fällen eine Art „isolierter Ort“ gewesen sein könnte, über den in der
Bevölkerung kaum eine konkrete Vorstellung existierte. Und das sollte wohl auch so sein.Erst mit einer Veränderung der Rentabilitätsstruktur der Säuglingsheime und den gesellschaftspolitischen
Veränderungen der 1968er Jahre wurde diese Heimform nahezu aufgegeben. Binnen kurzer Zeit wurde beseitigt, was jahrzehntelange Kritik der Sozialpädiater und Sozialwissenschaftler – und
vereinzelte Kritik aus den „eigenen Reihen“ nicht vermocht hatten.
Kinder ohne Liebe :
http://www.youtube.com/watch?v=l7UHCzNj8Ts
siehe auch:
http://www.saeuglingsheim-archiv.de/
Literatur (kommentiert)
A. Zeitgenössische Kritik
(Deprivation/Hospitalismus)an den Säuglingsheimen
F. Stirnimann: Das erste Erleben des Kindes. Eine Einführung in das Seelische der ersten
Lebenszeit des Kindes für denkende Eltern, Pflegerinnen und Kinderfreunde, 2.A., Frauenfeld Leipzig 1938. Heute vor allem historisch bedeutsame Arbeit eines Kinderarztes aus Luzern.
M. zur Nieden: Adoptionsvermittlung. Entwicklung, Bedeutung, Organisation, Arbeitsweise,
Finanzierung, Frankfurt/M. 1928 (Flugschriften des Archivs deutscher Berufsvormünder, hrsg. von Dr. H. Weber, Heft 10).
Bedeutsame Originalschrift zur Adoptionsgeschichte in
Deutschland aus der Sicht der freien Wohlfahrtsverbände, enthält Vorschläge zur Formulierung der Freigabeerklärung und der Aktenführung in Behörden und Vermittlungsstelle, trotz des hohen Alters
der Schrift heute noch lesenswert. Vermittelt indirekt auch einen Einblick in die öffentliche Pflege von Kleinkindern der Zeit.
D. Burlingham/A. Freud: Anstaltskinder. Argumente für und gegen eine Anstaltserziehung von
Kleinkindern, London 1950 (Deutsche Ausgabe).
Klassische Studie zur Bedeutung einer singulär-exclusive Betreuungsperson bei der Pflege von Kleinkindern.
A. Dührssen: Heimkinder und Pflegekinder in ihrer Entwicklung.
Eine vergleichende Untersuchung in Elternhaus, Heim und Pflegefamilie, 2. Aufl., Göttingen 1964
Bekannte Dissertation, die heute noch lesenswert ist, recht nüchterne Darstellung der Wirkungen eines Aufenthaltes in einem
Säuglingsheim.
W. Schwidder (Hrsg.): Die Bedeutung der frühen Kindheit für die
Persönlichkeitsentwicklung, Göttingen 1962.
Im Zusammenhang mit der Diskussion um die Ergebnisse von Dührssen zu sehen, heute vor
allem gute Zusammenfassung der zeitgnössischen Debatte um die Säuglinsheime.
M. Ellison: The deprived Child and Adoption, London 1963.
Frühe Arbeit, die die Notwendigkeit einer Adoption von möglichst jungen Kleinkindern unterstreicht und auf die in Deutschland zu dieser Zeit weitgehend ignorierten möglichen Folgeprobleme einer
Adoption beschreibt.
M. zur Nieden: Adoption und Adoptionsvermittlung. Ent-wicklung, Organisation, Ergebnisse, 3.
Aufl., Köln etc. 1963.
Überarbeitete Auflage der o.g. Schrift von 1928, die Verfasserin war 40 Jahre auf dem Gebiet der Adoptionsvermittlung tätig und vermittelt eine detaillierte Inneneinsicht in die
Adoptionsvermittlung in diesem Zeitraum. Erwähnenswert: die Schrift aus dem Jahr 1928 „musste“ kaum verändert werden (sic!).
M. Meierhofer/W. Keller: Frustration im frühen Kindesalter. Ergebnisse von Entwicklungsstudien
in Säuglings- und Klein-kinderheimen, Bern 1966.
Wissenschaftlicher Klassiker zur Deprivations- und Hospi-talismusforschung, auch Abdruck zahlreicher Fotografien von Kleinkindern, die die entsprechende Symptomatik zeigen (der Titel
„Frustrationen“ wird hier in einem psychologischen Sinn gebraucht und klingt daher heute missverständlich)..
F. Trost/H. Scherpner (Hrsg.): Handbuch der Heimerziehung, 2 Bände, Franfurt/Main etc. 1952 –
1966 (in 12 Lieferungen erschienen).
Ganzheitliche Darstellung der Leitsätze der Heimerzeihung aus der Perspektive der Verantwortlichen, vermittelt heute einen guten Eindruck über die damalige Vorstellungswelt in der Pflege und
Betreuung von Kleinkindern in Säuglings- und Kinderheimen.
Deutsche Zentrale für Volksgesundheitspflege (Hrsg.): Das Deprivations-Syndrom in Prognose,
Diagnose und Therapie, Bericht der Arbeitstagung vom 15. bis 17. Mai 1968 für Heimärzte und Heimleiter an Säuglings- und Kinderheimen, Frankfurt 1970 (Nachdruck 1973).
Enthält präzise Beschreibungen des Deprivationssyndroms und des Hospitalismus sowie über deren Verbreitung in den Kinderheimen der Zeit.
D. Eckensberger: Sozialisationsbedingungen der öffentlichen Erziehung, Frankfurt/M 1971.
Heute zentrale Arbeit, die detailliert Auskunft über die (alltäglichen) Verhältnisse in einem Säuglingsheim gibt.
J. Pechtstein/E. Siebenmorgen/D. Weltsch: Verlorene Kinder? Massen-pflege in Säuglingsheimen.
Appell an die Gesellschaft, München 1972.
Enthält eine Geschichte der Säuglingsheime sowie statistische Zahlen über die Belegzahlen von Säuglingsheimen. Des weiteren eine Anzahl von Fotografien deprivierter Säuglingsheim-Kinder. Zentrale
Arbeit zur Einführung in die Thematik.
W. Schmidbauer: Verwundbare Kindheit, Planegg vor München 1973.
Guter Überblick über die psychologischen Hintergründe von Deprivations-Syndrom und Hospitalismus.
U. Gerber (Hrsg.): Holt die Kinder aus den Heimen. Alternativen zur Heimunterbringung, Berlin
1974.
Tagungsband in Folge der „Heimrevolte“, der die zeitgenössische Diskussion zusammenfasst.
S. Koch: Schokolade reicht nicht, Berlin 1974.
Gezeichnetes Bilderbuch zur Situation von Heimkindern, Grafik-Design-Abschlussarbeit der Autorin an der HfbK Berlin; Einfühlsame, dabei zeittypische Umsetzung des Themas für
Kinder.
J. Roth: Heimkinder. Ein Untersuchungsbericht über Säuglings- und Kinderheime in der
Bundesrepublik, 2. Aufl., Köln 1975.
Journalistisch geschriebenes, faktenreiches Buch mit recht einseitiger politischer Ambition.
E. Schmalohr: Frühe
Mutterentbehrung bei Mensch und Tier. Entwicklungspsychologische Studie zur Psychohygiene der frühen Kindheit, 2. Aufl. München 1975.
Sehr kompakte und präzise Zusammenfassung der Forsch-ungsergebnisse aus der „Deprivations-
und (psychischer) Hospitalismusforschung“, wie sie Mitte bis Ende der 1960er Jahre zur Verfügung standen. Auch heute noch lesenswert.
J.
Langmeier/Z. Matejcek: Psychische Deprivation im Kindes-alter. Kinder ohne Liebe, München Wien Baltimore 1977.Deutsche Übersetzung aus dem Tschechischen (Original-ausgabe 1963, 3.Aufl. 1974, der
die Übersetzung zu Grunde liegt);
Klassiker der Deprivationsforschung, mit einigen Fotografien aus den Filmen zur Deprivations- und Hospitalismusforschung, die damals weltweit für Aufsehen gesorgt haben (der Film „Kinder ohne
Liebe“ ist heute auf DVD erhältlich.).
http://www.youtube.com/watch?v=l7UHCzNj8Ts
A. Mehringer: Heimkinder. Gesammelte Aufsätze zur Geschichte und zur Gegenwart der Heimerziehung,
3.Aufl., München Basel 1982.
Zentrales Werk (Aufsatzsammlung) zur Heimerziehung, einfühlsam, abwägend geschrieben, Mehringer war eine der zentralen Persönlichkeiten der Reformbestrebungen um die
Heimerziehung seit den 1950er Jahren, auch heute noch unverzichtbares Einführungswerk zur Heimerziehung.
A.
Mehringer: Verlassene Kinder, München Basel 1985 (hrsg. von der Deutschen Liga für das Kind in Familie und Gesellschaft zur Information der Abgeordneten des Deutschen Bundestages und der
Parlamente der Bundesländer).
Präzise und gut strukturierte Zusammenfassung der Hospitalismusdebatte(n).
Zahlreiche
Beiträge verschiedener Autoren aus „Unsere Jugend“ (1950 – 1970)
Fachzeitschrift zur Sozialarbeit, regelmäßig kritische Beiträge über Säuglingsheime und verwandte Themen.
B.
Geschichte der Heimerziehung
F. F.
Röper: Das verwaiste Kind in Anstalt und Heim, Göttingen 1976.
Umfangreiche Monographie zur Geschichte der öffentlichen Pflege von der Antike bis zur Moderne.
Deutscher
Verein für öffentliche und private Fürsorge (Hrsg.): Vier Jahre Bundessozialhilfegesetz und Jugendwohlfahrtsgesetz. Wege in die Zukunft, Frankfurt/Main 1966.
Bericht über den 64. Fürsorgetag 1965 in Köln, gibt einen guten Überblick über die sozialen Problemlagen in dieser Zeit, insbes. über das damals relativ neue
Jugendwohlfahrtsgesetz (S. 113ff.) und „Die alleinstehende Mutter und ihr Kind“ (S.193ff.).
M.
Almstedt/B. Munkwitz: Ortsbestimmung der Heimerziehung. Geschichte, Bestandsaufnahme, Entwicklungstendenzen, Weinheim Basel 1982.
Überblick über die historische Entwicklung der Heimerziehung seit 1945; den Autoren geht es primär um die Darstellung des relativen Scheiterns der „Heimreform“ Anfang
der 1970er Jahre und das Aufzeigen alternativer Methoden der Heimerziehung.
C. Heimverzeichnisse
Heute ist es oftmals nicht mehr möglich die Existenz eines Säuglingsheimes überhaupt
nachzuweisen. So sind oftmals die Gebäude abgerissen und Akten vernichtet bzw. nicht auffindbar. Hilfreich für einen ersten Rechercheansatz sind an dieser Stelle die zeitgenössischen
Heimverzeichnisse von denen hier eines exemplarisch aufgeführt ist. Solche Verzeichnisse wurden von den Kirchen und weiteren freien Trägern zu unterschiedlichen Zeiten auf unterschiedlicher Ebene
(Bistum, Bundesland, deutschlandweit) herausgegeben.
Zentrale des Deutschen Caritasverbandes (Hrsg.); C. Becker (Bearbeiter): Handbuch der Caritativen
Jugendhilfe in Deutschland. Übersicht über die Anstalten und Einrichtungen der Kath. Jugendhilfe nach dem Stande vom 1. November 1953, Freiburg i.Br. 1954 Bemerkenswert: enthält auch kath. „Anstalten“ (jeden Typs) der ehemaligen DDR.
D. Bindungstheorie
J. Bowlby: Maternal Care and mental Health, Genf 1952.(World Health Organization Monograph Series
No. 2)
Mit dieser zusammenfassenden Studie von Bowlby erlangte die Bindungstheorie ihre weltweite
Bekanntheit.
J. Bowlby: Frühe Bindung und kindliche Entwicklung, 5. Auflage, München
2005
Deutsche Übersetzung des klassischen Werkes der Bindungstheorie.
L. Ahnert (Hrsg.): Frühe Bindung. Entstehung und Entwicklung, München Basel 2004.
Bestandsaufnahme der Bindungsforschung mit dem Charakter eines Lehrbuches für den Hochschulbetrieb, vermittelt einen kompakten Einblick in die
Bindungsforschung.
K. H. Brisch/Th. Hellbrügge (Hrsg.): Bindung und Trauma. Risiken und Schutzfaktoren für die Entwicklung von
Kindern, Stuttgart 2003.
Zu Ehren von Emmy Jacobsen-Werner wurde im Dezember 2001 ein internationaler Kongress mit dem Titel „Attachement and Trauma: Risk and Protective Factors in the Development of Children“ in München
veranstaltet, dessen Beiträge in diesem Band zusammengefasst wurden. In diesem Band wird u.a. die Bedeutung der psychischen Widerstandsfähigkeit („Resilienz“) deutlich, deren Wirkung u.a. in den
Untersuchungen von Jacobsen-Werner eine große Rolle gespielt haben. Darüber hinaus finden sich Hinweise zu den Filmen der klassischen Deprivations- und Hospitalismusforschung und ein
bemerkenswerter Beitrag von Zdenek Matejecek, einem Klassiker dieser Forschungsrichtung.
K. Grossmann/K. E. Grossmann: Bindungen – das Gefüge psychischer Sicherheit, 2. Aufl., Stuttgart 2005
(Erstauflage 2004).
Umfassendes Werk zur Bindungsforschung, fasst u.a. die Forschungsergebnisse von mehr als 2 Dekaden dauernden Langzeitbeobachtungen bei 100
Kindern.
Hier ein Film zu Hospitalismus:
Vorsicht! anschauen auf eigene
Gefahr!
http://www.youtube.com/watch?v=H-QvT-koIB0